Der Geschmack der Wahrheit

Inspektion eines Landes zwischen religiöser Toleranz und politischer Diktatur

Mager und konzentriert sitzt Pater Metri in seiner Arbeitsklause hinter der Sakristei. Überall Bücher; die dicksten hat er selbst geschrieben. Pater Metri Haji-Athanasiou hat Theologie in Belgien studiert und Philosophie an der Sorbonne, er besitzt zwei Doktorgrade, spricht etliche Sprachen. Alles an ihm atmet Geist und Glauben; asketisch das Gesicht, brennend der Blick, den er über eine Liptons-Teedose mit Lupen und Scheren hinweg auf die Besucherin richtet.

Mit der leidenschaftlichen Hingabe des enzyklopädisch Gebildeten erfüllt er gerade die Bitte, das komplizierte Strauchwerk von elf christlichen Konfessionen in Syrien zu erklären. Die zehn dünnen Finger des Priesters stehen erläuternd in der Luft, Jahrhunderte und Konzile sortierend. Links fünf Zweige Orthodoxe, rechts fünf Zweige Katholiken, „beachten Sie, Madame!," ruft Pater Metri ermahnend und wackelt mit beiden Ringfingern, „hier armenisch-orthodox, dort armenisch-katholisch!" Für die Protestanten bräuchte er einen elften Finger, „aber das sind Ausländer", sagt er wegwerfend, „die kamen erst im 19. Jahrhundert".

Es ist eine lehrreiche Erfahrung, mit einer Inspektion Syriens bei einem Christen zu beginnen. Denn dieser griechisch-katholische Priester, der eben noch den Eindruck einer gewissen Weltferne machte, überrascht durch einen zornigen politischen Ausbruch, sobald man ihn zur gegenwärtigen Lage der Christen befragt.  „Bush und seine Leute sind Ignoranten! Sie verstehen nichts von Politik. Wir aber, wir verstehen Politik, wir leben mitten in der Politik!" Dass der Irak zerfällt, plagt den Priester als ständiger Albtraum; dass die Amerikaner auch Syrien ethnisch-religiös destabilisieren möchten, ist sein böser Verdacht.

Nicht alles sei rosig für die Christen in Syrien, fährt er fort, aber die großen Bedrohungen kämen von außen, nicht von innen. „Mit diesem Regime sind wir einigermaßen gut dran. Bashar Assad mag die Christen, er weiß, dass sie ihm treu sind, weil sie von der Stabilität profitieren. Und genau deshalb, weil wir Stabilität so dringend brauchen, sagen wir dem Westen: Lasst uns in Ruhe!" Und dann fällt der Pater dramatisch ins Französische, in jene Sprache des Westens, die ihm am nächsten ist, in der er die ganze Geisteswelt studiert hat:  „Laissez-nous tranquilles! Kümmert euch um Euch selbst, wir brauchen euch nicht, ihr braucht uns, ihr braucht unser Öl!"

Seine griechisch-katholische Kirche folgt der orthodoxen Liturgie, und in dieser Liturgie, sagt Pater Metri zum Abschied, verkörpere der Westen das Übel. Bei einer Taufe wende sich der Pate zuerst nach Westen mit der Formel, dem Satan zu widerstehen, dann wende er sich nach Osten, um das Gute, um den Glauben zu akzeptieren.  

In Syrien wird erzählt, dass sich Christen ein besonders dickes Goldkreuz um den Hals hängen, wenn sie in eine westliche Botschaft gehen, um ein Visum zu beantragen. Aber wer sich den Glauben bewahren möchte, sie seien natürliche Verbündete westlicher Politik, sollte besser nicht mit Menschen wie Pater Metri reden. Manche Geistliche machen keinen Hehl daraus, dass sie die amerikanische Regierung regelrecht hassen. Und käme George Bush auf die Idee, Syrien zu besuchen, würden viele Gemeinden ihre Kirchentüren vor ihm verrammeln. 

Nirgendwo sonst im Nahen Osten herrscht zwischen Christen und Muslimen, zwischen Sunniten und Schiiten soviel Frieden wie in Syrien. Nebenan der Irak, zerfallend in Bürgerkrieg und Religionskrieg. Und hier ein noch empfindlicheres Gewebe der Gesellschaft, ein Mosaik der Glaubensrichtungen mit verwirrend vielen Steinchen, mit fünf Sorten Muslimen und elf Sorten Christen, mit mehr als einem Dutzend nationaler Minderheiten.

Nackte Zahlen über die 18 Millionen Syrer vermitteln von den komplexen Verhältnissen nur ein ungefähres Bild: 70 Prozent sind Sunniten, etwa 16 Prozent Schiiten, zehn Prozent Christen. Aber Syrien ist geprägt von seinen Minderheiten. Das gilt zunächst für die Christen:  Um 1930 stellten sie noch fast 40 Prozent der Einwohner, seitdem sank ihr Anteil kontinuierlich, vor allem weil Muslime mehr Kinder bekamen. Es war auch ein Christ, der 1943, beeindruckt von Atatürk und von Lenin, jene säkular-sozialistische Partei der „Arabischen Wiedergeburt" (Baath) gründete, die nun schon mehr als vier Jahrzehnte Syrien kontrolliert. Und an den Schalthebeln der Kontrolle sitzt wiederum eine Minderheit:  Die Familie Assad gehört zu den Alawiten, einer Strömung am Rande des schiitischen Islam, die lange als ketzerisch verfolgt wurde.

Wer in einem so fragil konstruierten System lebt, muss den religiösen Fanatismus fürchten. 800 000 Flüchtlinge aus dem Irak sind bereits im Land. Und wenn der Irak ethnisch-religiös völlig zerfällt, dann droht Syrien mit in einen Abgrund gerissen zu werden. Wie groß das Interesse der Syrer an Stabilität ist, das wird häufig übersehen.

Bassel Kasnasrallah ist ein unauffälliger Mann. Dunkelblauer Anzug, getönte Brille, kleiner Siegelring, polierte Fingernägel. Niemand schaut sich auf einer Straße in Damaskus nach so jemandem um, und das ist ihm ganz recht. Er wirkt lieber hinter den Kulissen.

Bassel Kasnasrallah ist der christliche Berater des Großmuftis.

Heute war sein „Botschaftertag", sagt er. Er hat schon fünf Gesandtschaften abgeklappert, vertraulich dies und jenes besprochen und nebenbei ein Interview des Großmufti mit dem Vatikan-Radio arrangiert. Der Großmufti ist der oberste muslimische Rechtsgelehrte Syriens; seine Kooperation mit diesem Christen ist also in etwa so, als hätte Kardinal Lehmann einen muslimischen Berater und ließe sich von ihm seine Auftritte im saudischen Fernsehen vorbereiten.

Als sich im vergangenen Herbst viele Muslime über die Regensburger Rede des Papstes empörten, schrieb der syrische Großmufti einen persönlichen, sehr diplomatischen Brief an Benedikt  XVI.; später gehörte er zu einer Gruppe von hochrangigen Muslimen aus aller Welt, die sich mit dem Wunsch nach einem ernsthaften theologischen Austausch an den Papst wandten. Der Mann im dunkelblauen Anzug redet bei solchen Dingen ein Wörtchen mit und erlaubt sich bei der Erinnerung daran ein ganz kleines geschmeicheltes Lächeln.

Bassel Kasnasrallah ist im Brotberuf Ingenieur, aber lieber konstruiert er Brücken zwischen den Religionen. Auf die Frage, woher diese Leidenschaft rühre, antwortet er mit einer Kindheitserinnerung aus Aleppo. Die Kinder im Viertel hätten von den Nachbarn zu allen Feiertagen Geld bekommen, zu den christlichen wie den islamischen. „Freude war keine Frage der Konfession."

Die Geschichte vom Mann im blauen Anzug wäre unvollständig ohne dieses Detail: „Christlicher Berater", so nennen ihn nur Eingeweihte. Auf seiner Visitenkarte gehen die Worte auf Zehenspitzen: Berater für islamisch-christliche Beziehungen. Denn in Syrien redet man über konfessionelle Zugehörigkeit nur hinter vorgehaltener Hand. So frei die Religion, so unfrei die Meinung - Toleranz und Diktatur sind hier eine eigenartige und vielleicht einzigartige Ehe eingegangen.

Religiöse Toleranz kann dauerhaft kaum verordnet werden, auch nicht durch eine Diktatur. Aber Toleranz kann pragmatisch sein und Friedfertigkeit vernünftig, auch ohne die Diskurse, die wir zu solchen Fragen gern pflegen.

Die Syrer sind nicht von der Welt abgeschnitten, selbst auf den tristen Wohnblocks der Armen stehen Satellitenschüsseln in dichtem Feld. Viele wissen, dass ihr Land in den westlichen Nachrichten ein Synonym für Konfrontation und Unfrieden geworden ist. Eine No-go-Area, vor dessen berühmten römischen Ruinen nur noch gelegentlich ein Häuflein Touristen anzutreffen ist.

Als erstes spürt man im Land deshalb eine kollektive Kränkung, vor allem bei den Gebildeten. „Wir sind hier im Zentrum der alten Welt", sagt ein Archäologe vorwurfsvoll. „Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie plötzlich auf der Achse des Bösen leben?" In Damaskus, das sich auf sechs Jahrtausende Siedlungsgeschichte beruft, wird ein sechs Jahrzehnte altes Wohnviertel „neu" genannt. 25 Zivilisationen haben ihre Spuren in Syriens Erde hinterlassen, an 3000 Stätten wird derzeit gegraben... Syrische Gesprächspartner werden nicht müde, solche Zahlen  zu nennen - als bedürfte es ständiger Beweise, dass sie ein Kulturvolk sind. Und so häufig wird einem aufgetragen, die Nachricht vom Religionsfrieden in Syrien zu verbreiten, dass es sich hier quasi um eine Sammelpostkarte aus dem Schurkenstaat handelt. 

Aber da ist noch etwas anderes. Dieses Senken der Stimme, wenn über interreligiöse Beziehungen gesprochen wird. Es gilt als unschicklich, jemanden gerade heraus zu fragen, welcher Konfession er angehöre. Das lernt man im Land als Zweites: Alle sind Syrer. Punkt. In den staatlich kontrollierten Medien sind die konfessionellen Beziehungen Tabu. Wer es verletzt, kommt schnell mit Gesetzen in Konflikt. Und man kann einen einheimischen Begleiter in arge Verlegenheit bringen, wenn man im Bus ahnungslos ein Gespräch über die Konfessionen beginnt. In diesem säkularen Land gibt es viel Toleranz für die Ausübung von Religion, aber nicht für das Reden über religiöse Sensibilitäten. Als würde Meinungsfreiheit auf diesem Gebiet automatisch zu Spaltung und  Zerfall der Nation führen.

Das macht Syriens besonderen Charakter aus: Religionsfreiheit ist nicht eingebettet in bürgerliche Freiheiten; der Staat macht es leichter eine Kirche zu bauen als eine Bürgerinitiative zu gründen. Seit mehr als vier Jahrzehnten strangulieren Notstandsgesetze die politische Kultur; oppositionelle Parteien sind verboten, Bücher unterliegen der Zensur, die Geheimdienste sind gefürchtet und in Gefängnissen wird immer noch gefoltert. Dennoch wirkt Syrien nicht auf Schritt und Tritt wie eine Diktatur, eher wie eine Mischung verschiedener Systeme, Zeiten und Kulturen. Ein bisschen DDR, ein bisschen alter Orient und ein bisschen Havanna: die Nostalgie amerikanischer 50er-Jahre-Limousinen. Die säkularen Lebensgewohnheiten lassen vieles offener, zugänglicher erscheinen als in anderen islamischen Ländern.

Wo sich Toleranz und Unterdrückung derart in Schichten übereinander schieben, fällt ein klares Urteil nicht leicht. Zumal eine westliche Besucherin wie eine Projektionswand wirkt: für den gekränkten Stolz, für Vorhaltungen über westliche Einäugigkeit und dann für heftiges Werben um Freundschaft. Ständig hat man neue Begleiter, wird eingeladen, verbringt mit Tee und klebrigen Süßigkeiten viele Stunden auf armenischen, kurdischen, sunnitischen, katholischen Sofas.

In manchen Ländern des Nahen Ostens lassen sich Menschen nicht gerne fotografieren. Oder sie bauen sich zu Gruppenbildern auf. Anders in Syrien: Viele zeigen selbstbewusst ihr Gesicht, ihre Individualität, manche genießen es sogar, sich in Posen zu werfen. Als wollten sie sagen: Seht her, das ist Syrien, ich bin Syrien! Aber Vorsicht, sobald Politik ins Spiel kommt.  Wer über Politik spricht oder über Religion, scheut das Bild: Bloß nicht auffallen. -                                                           

Die  Altstadt von Damaskus, an einem Freitagmittag. Auch im christlichen Teil stehen kleine alte Moscheen, eng neben den Kirchen; hier gab es nie völlige Segregation. An den Mauern der Häuser kleben frische Todesanzeigen, mit Kreuz und Foto, manche mit der bogenreichen armenischen Schrift. Ein altes Mütterchen bleibt bei jeder Anzeige stehen und bekreuzigt sich. Gesang weht herüber, er kommt aus dem Beit as-Salam, dem syrisch-katholischen Friedenshaus, die Singenden sind geistig behindert, sitzen um einen Tisch im Hof. Die Mitarbeiter winken freundlich herein - und werden einsilbig, wenn man sich als Journalistin vorstellt.

In der St.-Paul-Kapelle sind alle Bänke vollbesetzt mit schwarz gekleideten Frauen, es ist Wochenmesse für eine Verstorbene. Die Männer stehen draußen, an der offenen Kirchentür, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Wo sie stehen, legt sich über den Gesang der Frauen schon der  Gebetsruf aus der nahen Moschee.

Nicht weit von der griechisch-orthodoxen Kathedrale färbt sich die Altstadt eindeutig islamisch. Gelbe Hisbollah-Fähnchen flattern quer über die Straße, die Portraits von Hassan Nasrallah, dem Führer der schiitisch-libanesischen Miliz, begleiten fortan den Weg als sei er ein Schutzheiliger. Nasrallah neben Babybildern im Fotoladen, Nasrallah in der Videothek. Ein Obsthändler hat neben den Hisbollah-Scheich und die Assads ein Bild von sich selbst gehängt und eines von seinem verstorbenen Sohn, mit Trauerflor. Vereint schauen sie auf die Apfelkisten hinunter, wie eine Familie.

In der Omayadenmoschee hat das Freitagsgebet schon begonnen, trotzdem bleibt die Tür für Nicht-Muslime offen, das entspricht der Tradition dieses Orts. Johannes der Täufer, der drinnen begraben sein soll, wird von den Muslimen als Prophet Yahia verehrt. Die wichtigsten syrischen Islamgelehrten betonen die Gleichwertigkeit der monotheistischen Religionen. Die gelöste Atmosphäre in der Moschee scheint diese friedfertige Geisteshaltung zu spiegeln. Viele Frauen, viele Kinder; im Hof beten Jugendliche, Jungen und Mädchen in einer Reihe. Nach dem Gebet spielen zwei Halbwüchsige Moschee-Eishockey: Sie schleudern den Wagenschüssel des Vaters weit über den spiegelglatten Marmorhof, schlittern dann auf Socken hinterher, einige Schlafende hart umkurvend. 

Feine Trennungslinien ziehen sich durch die syrische Gesellschaft. Es gibt Clubs und Schwimmbäder für Christen und für Muslime, das ist nicht offiziell und alle hüten sich, es offiziell zu machen: pragmatische, typisch syrische Lösungen. Wohngebiete sind oft entweder mehrheitlich christlich oder mehrheitlich muslimisch. Über die Christen in Aleppo sagt Bassel Kasnasrallah, der Mufti-Berater: „Wir leben gerne in Blocks zusammen, wir bevorzugen eine Art Ghetto, nicht aus religiösen Gründen, sondern aus sozialen." Bei Christen sei krasse Armut seltener als bei Muslimen, weil in der Minderheit die karitativen Netzwerke funktionierten. „Es gibt keine christlichen Schuhputzer oder Bettler, und falls sich doch einer auf die Straße setzt,  interveniert die Kirche sofort". Natürlich könne das bei Muslimen Neid entfachen.

In einem autoritären Staat können religiöse Gemeinsamkeiten auch ein ganz säkulares Instrument sein: um den Zirkel des Vertrauens eng zu halten. Die armenischen Christen zum Beispiel halten 90 Jahre nach ihrer Vertreibung aus der Türkei ihre Sprache und Kultur weiterhin hoch; das schafft ihnen einen geschützten Raum. In den ärmeren muslimischen Schichten gilt wiederum die äußerliche Betonung von Frömmigkeit  - bei den Frauen Tuch und langer Mantel - auch als Zeichen des Protests gegen die Korruption und den Lebenswandel in der Oberklasse. 

Die Regierung führt mit Absicht keine Statistik über religiöse Zugehörigkeit. Manche konfessionellen Ortsbezeichnungen wurden sogar in jüngerer Zeit neutralisiert. Aber zugleich ist es für viele Syrer wichtiger geworden, ihre Religion zu zeigen. Und in den Stolz über die interreligiöse Harmonie ist nun die Sorge eingewebt, die Harmonie könne gefährdet sein. -              

„Es war eine schlechte Saison für Gebisse", sagt Hassan. Der Libanon-Krieg im vergangenen Jahr hat eine Spur fehlender Aufträge im Leben des Zahntechnikers hinterlassen. Vor allem fehlen ihm die saudischen Gebisse; die richtig reichen Saudis verbringen den Sommer gern im Libanon, die Zweitreichsten kommen nach Syrien, dort gibt es Mädchen und Zähne zu günstigen Konditionen.

Hassan hat schon von Berufs wegen ein Bedürfnis nach Frieden und Normalität, nach einem Leben, wo es sich lohnt, die Zähne richten zu lassen. Sein Labor empfängt mit einer schicken Rezeption, er hat das Design selbst entworfen, die Tür zur Werkstatt öffnet sich mithilfe einer gläsernen Zahnwurzel. Dahinter junge Angestellte, Muslime wie Christen, die Stimmung ist locker. Hassan ist 37, Hemd, Hose, Schuhe entsprechen dem neuesten Schnitt, der silberfarbene Renault ist nachgerüstet für bescheidene Rennen am Wochenende, und der kleine Sohn hatte gerade seinen ersten Tag in der Vorschule.

Hassan, ein Sunnit, der es in die obere Mittelschicht geschafft hat, ist äußerlich modern und innerlich traditionell, so sieht er es selbst. Und damit verkörpert er einen Grundzug seines Landes: In der Hülle säkular-sozialistischer Prägung ist der Sittenkodex der orientalischen Familie eine mächtige Kraft geblieben.

Mit der Suche nach einer Braut beauftragte Hassan seine Mutter; zwei Jahre lang checkte sie Mädchen für ihn. Am Ende wäre der ganze Aufwand nicht nötig gewesen, denn Hassan heiratete die Schwester seines besten Freundes. Sie war perfekt: Schön, gebildet, religiös und jünger als er. Zwei Jahre lang hatte er sich gesträubt, sie probeweise zu treffen: „Ich hatte zuviel Angst, dass sie mir nicht gefallen könnte. Denn damit hätte ich meinen Freund und die ganze Familie beleidigt."  Bevor die Brautsuche begann, war Hassan mit einer Alawitin befreundet. „Ich konnte sie nicht heiraten, unsere Familien waren zu weit auseinander. Ich wäre ins Nichts gefallen, in ein schwarzes Loch."        

Syrien, mehrheitlich sunnitisch, wird seit 36 Jahren von alawitischen Präsidenten regiert. Aber Hassan, dem Zahntechniker, schien es unmöglich, die Brücke zwischen einer sunnitischen und einer alawitischen Familie zu bauen.

An Auskünfte über die Alawiten muss man sich vorsichtig heranpirschen. Bei diesem Thema leuchten überall in Syrien rote Warnleuchten auf: Vorsicht!, viele einflussreiche Männer in der Armee und im Sicherheitsapparat sind Alawiten. Aber Aufklärung ist allein schon deshalb wichtig, weil im Westen viele irrtümlich annehmen, die Allianz zwischen dem syrischen und dem iranischen Regime sei ein Bündnis schiitischer Glaubensbrüder.  Doch nicht Religion, sondern reine Machtpolitik brachte 1980 den damaligen Präsidenten Hafez Assad und den iranischen Ayatollah Khomeini zusammen: Der erste Golfkrieg hatte gerade begonnen, ihr gemeinsamer Feind war Saddam Hussein im Irak. Beide handelten völlig konträr zu ihren jeweiligen Ideologien, nicht viel anders ist es heute zwischen dem Eiferer Ahmadineshad und dem jungen Bashar Assad.

Die Alawiten sind zwar vor mehr als tausend Jahren als ein Zweig der Schiiten entstanden, aber ihre Glaubensinhalte haben sich wie die der Drusen extrem weit vom ursprünglichen Stamm entfernt. Ihr Name leitet sich ab von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohamed; dass die Alewiten Ali mehr verehren als den Überbringer des Koran ist für einen orthodoxen Muslim schon schlimm genug. Außerdem finden sie es nicht nötig, fünf mal täglich zu beten oder überhaupt eine Moschee aufzusuchen; dem ritualisierten Fasten gewinnen sie nichts ab, manche begehen dafür Weihnachten, aus Respekt für Jesus.

Als Ketzer verfolgt haben sich die Alawiten einst in die Berge geflüchtet. Um ihre Rolle in Syrien zu verstehen, muss man ihrer Spur ins sogenannte alawitische Bergland folgen.

Also in einen Bus Richtung Norden.

An der Busstation herrscht die obligate Mischung aus dem Kontrollwahn des Staates und der Freundlichkeit seiner Bürger: Name, Herkunft, Passnummer, Vatersname, Muttersname, alles wird von Hand in kafkaeske Listen eingetragen, mehrfach der Ausweis geprüft, die Bürokratie verlangt Tribut, während etliche Helfer sich der Tasche bemächtigen und den Listenschreiber zur Eile drängen. Vom Bus aus sind am Horizont die Burgen der Kreuzfahrer zu sehen, sie stehen auf den Bergkuppen mit der besten Aussicht. Syrien ist auf Schritt und Tritt ein Geschichtsbuch; kein Schulkind hält hier „Kreuzfahrer" für ein Computerspiel, und das Entsetzen über die Kreuzzugs-Metaphern von George Bush eint Christen und Muslime.

Es muss um die Zeit der Kreuzzüge gewesen sein, als sich die Alawiten in die Berge flüchteten. Ihr kollektives Gedächtnis hat seit damals eine historische Lehre bewahrt: Minderheiten, die am Rande ihrer Religionen stehen, müssen die großen Clashes, die Kulturkämpfe,  am meisten fürchten; sie zahlen den Preis, wenn die Mehrheiten fanatisch werden. Heutzutage, vor der Drohkulisse der sunnitisch-schiitischen Kämpfe im Irak, flüstern einzelne düstere Stimmen, es sei für die Alewiten an der Zeit, zurück in die Berge zu gehen.

Während der osmanischen Besatzung nahmen die Alawiten in den Dörfern zur Tarnung die Gewohnheiten ihrer christlichen Nachbarn an: Denn die Christen standen unter dem Schutz der osmanischen Sunniten; dem ketzerischen Muslim drohte hingegen der Tod. So entstand die eigentümliche Alawiten-Kultur; sie ist zugleich säkular, mystisch und  konspirativ.

Eine vierspurig ausgebaute Straße führt hinauf nach Qardaha, zum Geburtsort von Hafez Assad.  Die Piste wirkt wie eine Metapher für den Aufstieg einer Minderheit zur Macht. Wie alle Alawitendörfer lebte Qardaha vor dem Regierungsantritt Assads in bitterer Armut. Quer über die Straße prangt der Hinweis auf das Grab des ewigen, des „unsterblichen Führers". Ein riesiges weißes Mausoleum; allerdings hat es Pathos nur durch Größe; das Innere ist überraschend schlicht. Weihrauchgetränkte Stille; durch ein Dachfenster fällt schwermütig gebrochenes Licht. Am Ausgang schenkt ein Aufpasser ein winziges Tässchen Kardamom-Kaffee ein, zur Stärkung nach der Trauer. Der Führerkult, den Hafez Assad zu Lebzeiten dem Land aufdrückte, hat sich unter seinem Sohn in einer Light-Version popularisiert; von vielen Heckscheiben blinkt Bashar als silberne Silhouette, ein Führerportrait wie von Andy Warhol.

Aus dem Bergland sind es 15 Kilometer bis hinunter zur Mittelmeer-Küste. Dort liegt Lattakia, die freizügigste Stadt Syriens. Diesen Ruf hat sie durch die Alawitinnen; sie kleiden sich auffallend sexy, mit tiefen Dekolletées, sogar mit Miniröcken. Daneben gehen Sunnitinnen, meist verschleiert.

Abends ein Treffen mit alawitischen Intellektuellen in einem Fischrestaurant.  Hier wird zumindest halboffen gesprochen. Warum also haben so viele Alawiten hohe Posten in der Armee? Die Bevorzugung, so wird erklärt, geht schon auf die französische Mandatszeit zurück; nach dem bewährten Kolonialprinzip „Teile und Herrsche" protegierten die Franzosen die Minderheit, schnitten für sie sogar eine autonome Provinz zurecht. In den 50er Jahren drängten dann viele Alawiten in die Baath-Partei; deren Säkularismus war auch für andere Minderheiten attraktiver als für die Sunniten. Im Laufe der Jahre wurden daraus konfessionelle Seilschaften; sie hievten Leute des eigenen Vertrauens auf wichtige Posten.

Die Alawiten als herrschende Minorität zu bezeichnen, das sei zugleich richtig und falsch, erklärt ein Professor. „Viele politische Häftlinge sind auch Alawiten. Die Regierung protegiert uns nicht als religiöse Sekte. Es geht allein um Macht." Der Professor vertritt eine Menschenrechtsgruppe, verbrachte selbst vier Jahre im Gefängnis. Er wehrt sich dagegen, wenn im Westen von „Assads Syrien" gesprochen wird. „Das ist nicht fair! Die Gesellschaft ist gut und großzügig, sie ist nicht so schlecht wie unser Regime."

Wir sitzen am Meer, Katzen balgen sich um die Fischreste, zum Arak kommt Eiswasser, es werden Alawiten-Witze erzählt. Oft handeln sie von der Liebe zum Arak, die Alawiten verstehen das Alkoholverbot wie andere Gebote nicht absolut, berufen sich auf die liberalen frühen Kapitel des Korans. Von unserem Tisch fällt der Blick auf eine grün angestrahlte kleine Moschee, es ist die Grabmoschee eines sunnitischen Heiligen, der auch von den Alawiten verehrt wird. Einmal im Jahr kommen die Alawiten, dann räumen die Sunniten für 24 Stunden die Moschee. Wieder eine pragmatische, syrische Lösung. -

Von der Stadt Qamishle aus, an Syriens Nordgrenze,  ist das erste türkische Minarett zu sehen, und hinter den letzten syrischen Häusern stehen bereits türkische Bäume. Ganz falsch!, sagen die Kurden von Qamishle: Es sind kurdische Bäume hinter kurdischen Häusern.

Nationalismus und Freiheitsdrang überlagern in der Grenzregion alles andere. Kaum Hisbollah-Fähnchen, kaum Kopftücher, die jungen Kurdinnen und Kurden geben sich betont säkular und westlich, und sie setzen auch politisch auf den Westen. Ein Uhrenhändler zeigt in seinem Mobiltelefon die Vorwahlnummern von Freunden und Geschwistern: Schweden, Holland, Deutschland. Berlin!, halb Qamishle scheint in Berlin zu sein. Konspiratives Aufklappen der Brieftasche: Neben den Kinderbildern eine Landkarte vom Traumstaat Kurdistan. Und die Batterie, die man eigentlich kaufen wollte, will sich der Händler auf keinen Fall bezahlen lassen: „Ein Araber würde das Geld nehmen", sagt er, „ein Kurde tut das nicht."

Am größten Boulevard steht eine Statue von Hafez Assad; er streckt die Hand aus in einer Geste herrischer Väterlichkeit. Für die 27jährige Narin* ist dies eine leere, verlogene Geste, sie hat keine syrische Staatsangehörigkeit; dieses Schicksal teilen etwa 150 000 Kurden.  Narins Großeltern hatten noch Papiere, sie wurden ihnen bei einer Volkszählung 1962 weggenommen mit der Begründung, sie seien keine Araber und dies sei die „Syrische Arabische Republik".

Wir unterhalten uns im Nebenraum eines Geschäfts, alles Kurdische ist hier clandestin, jeden Hinweis auf die Art des Ladens bittet der Besitzer zu unterlassen. Als ein Soldat zum Einkaufen hereinkommt, schaltet Narin sofort um auf Belanglosigkeiten. Sie hat Abitur, wirkt aufgeweckt und talentiert, aber ohne Papiere ist ihr Leben blockiert: „Ich kann nicht studieren, ich bekomme keinen Job vom Staat, ich kann auch kein Geschäft eröffnen, nicht einmal in einem Hotel übernachten." Und sie will nicht heiraten, keine Kinder bekommen, damit es denen nicht genau so ergehe. Manchmal schreibt sie politische Gedichte für eine kurdische Webside; obwohl sie unter falschem Namen schreibt, kam der Geheimdienst und verwarnte sie. An den Schulen ist kurdisch ohnehin verboten. „Das Ausland muss uns helfen", sagt Narin, „alle hier hoffen, dass Europa Druck macht."

Später, im Wohnzimmer einer Familie. Die betagte Mutter sitzt im dünnen blütenweißen Kopftuch der traditionellen Kurdinnen vor dem Fernseher. Der kurdische Satelliten-Sender aus dem Nordirak zeigt eine alte Frau, auch sie im weißen Kopftuch, sie spricht als Zeugin der Giftgasangriffe auf kurdische Dörfer zurzeit von Saddam Hussein. Für die Mutter im Wohnzimmer gibt es keinen Zweifel, dass der Einmarsch der Amerikaner im Irak richtig war. „Sonst wäre doch Saddam heute noch an der Macht! Und wie haben die Kurden unter ihm gelitten!" Der abwehrende Ausruf „Laissez-nous tranquilles! Lasst uns in Ruhe!" des Pater Metri in Damaskus scheint in diesem kurdischen Wohnzimmer wie aus einer anderen Welt. Mischt euch ein!, sagen die Kurden von Qamishle.

Am nächsten Morgen führt die Weiterfahrt durch die Wüste. Flache Lehmbauten, einzelne Sonnenblumenfelder, eine Schafherde. Beduinnen in bauschigen, bunt gemusterten Gewändern; ihre Männer haben sich den Kopf umwickelt bis auf einen Augenschlitz. Vor einem Steinofen wirbelt eine verhüllte Gestalt den Brotteig durch die Luft, war es ein Mann, eine Frau? Ab und an ein größeres Gebäude: die Schule. Aus der beige-braunen Umgebung stechen die leuchtend blauen Schuluniformen der Kinder hervor wie Kornblumen. Syrien hat viel für die ländliche Entwicklung getan; vom Gleichheitsideal des arabischen Nationalismus haben vor allem die Kleinbauern profitiert.

Der Traum einer pan-arabischen Nation ist längst verblüht; geblieben davon ist nur Syriens geöffnete Tür: Jeder Araber kann ohne Visum kommen und bleiben. Von den 800 000 irakischen Flüchtlingen im Land viele sind reicher als ein normaler Syrer, sie haben die Wohnungsmieten hoch getrieben; darüber wird gemurrt, aber Feindseligkeiten sind selten. Die Palästinenser sind in Syrien besser integriert als überall sonst. Und während des Libanonkriegs organisierten die Damaszener binnen Tagen Obdach für 180 000 geflohene Libanesen. Vielleicht tut sich eine Gesellschaft, die selbst so heterogen ist, leichter mit Gastfreundschaft.

Denn Gegensätzliches ertragen müssen die Syrer ja schon reichlich untereinander. Im Zentrum der Stadt Deir az-Zour, am Euphrat gelegen, nicht weit vom Irak, ist kaum eine Frau auf der Straße zu sehen. Ist dies wirklich dasselbe Land, in dem an der Küste, in Lattakia, die Minirock-Mädchen flanierten?  -            

Während des Ramadan, wenn sich alle muslimischen Potentaten gern großzügig zeigen, bringt das syrische Staatsfernsehen eine Comedy-Serie; verpackt in historisches Ambiente karikiert sie Herrscherwillkür und Untertanenmentalität. Zum Beispiel mit dieser Parabel: Ein reicher Händler gelobt, er werde nach der Pilgerfahrt seine Kunden nicht mehr mit schlechtem Olivenöl betrügen. Als er ihnen dann tatsächlich das beste Öl zum gleichen Preis gibt, beschimpfen ihn die Leute - so gewöhnt waren sie an den Betrug, dass ihnen die Wahrheit, das gute Öl, nicht mehr schmeckt.

Hassiba Abdul Rahman hat den Geschmack der Wahrheit nie verlernen wollen. Der Weg zu ihr führt durch eine enge Damaszener Gasse in ein Haus aus Lehmmauern; Hassiba, Oppositionelle und Schriftstellerin, wohnt ärmlich; das einzige Zimmer teilt sie noch mit ihrer Schwester. Nebenan eine fensterlose Abstellkammer mit einem Computer, dort schreibt sie. Aber welche Heiterkeit!  Diese große schlanke Frau Ende 40, Tochter eines alawitischen Scheichs, lacht so oft, als hielte das alle Bedrängnis in einer gewissen Distanz. Etliche Male wurde sie verhaftet, sie zählt die Zeiten im Gefängnis so leichthin auf wie andere Leute ihre Urlaube: „Ach, mal sechs Jahre, mal vier Monate, mal drei Tage, wie es so kam."

Sie stellt Kaffee auf die abgestoßene Tischplatte. Durch die geöffnete Tür fällt Sonne ins Zimmer, auf dem Hof Wassergeräusche, das morgendliche Schrubben des Plattenbodens. Hassiba hat Einkommen nur hier und da, gerade ist eine Kurzgeschichte ins Englische übersetzt worden.

Ihr erstens Buch, „Kokon", handelte von Erfahrungen im Gefängnis, sie konnte es nur im Libanon veröffentlichen. Danach schrieb sie eine Novelle über die „geschlossene Kultur" der Alawiten, mehr historisch und philosophisch als politisch. Trotzdem warnte sie der Geheimdienst: nichts über die Alawiten!  „Vor 30 Jahren wäre so ein Buch vermutlich kein Problem gewesen", sagt sie. „Aber jetzt gibt es soviel Fanatismus in der Region." Und die Alawiten hätten auch an der Macht die Kultur der Berge beibehalten, geprägt von ihrer Geschichte blutiger Verfolgung seien sie voller Furcht, voller Misstrauen.

Am Jahrestag der Verkündung der Notstandsgesetze stand Hassiba wieder mit einem Häuflein Demonstranten vor dem Justizpalast. „Wir waren vielleicht 200, mindestens die Hälfte davon ehemalige Häftlinge, und kaum junge Leute. Das ist das Problem. Zu solchen Aktionen kommen hauptsächlich Ex-Häftlinge, die anderen trauen sich nicht. Und das kann ich verstehen: Der Staat ist der größte Arbeitsgeber, die Opposition hat nichts anzubieten."

Verprügelt wurde sie diesmal nicht von Polizisten, sagt sie, sondern von Studenten: Eine von oben bestellte Gegendemonstration. „Es waren Mitglieder der Baath-Partei, sie bekamen gesagt, wir seien Verräter, Agenten Amerikas. Geld? Nein, sie machen es nicht für Geld. Vielleicht haben sie ein Zimmer im Studentenheim, das sie nicht verlieren wollen." Das Regime, sagt Hassiba noch, wolle sich nicht mehr so direkt repressiv zeigen.

Schilder, auf denen früher die Bürger im Befehlston angebellt wurden, sind höflicher geworden. Politische Prozesse werden vor Zivilgerichten ausgetragen, nicht mehr vor Militärgerichten. Alle größeren Hoffnungen auf politische Reformen hat der junge Präsident enttäuscht. In ihrem Herzen sei die syrische Gesellschaft „wie eingefroren", sagt eine Ingenieurin. Sie erzählt aus ihrem beruflichen Alltag: Wer einen Posten erreicht hat, bewegt sich nicht mehr - aus Angst, Fehler zu machen. Niemand möchte die Verantwortung für etwas übernehmen. Die Leute haben eine rote Linie, wie weit sie reden oder denken. Jeder entwickelt das für sich, aber wundersamerweise ist es bei allen ähnlich."   

Auf den Treppenstufen zu einer Ladenpassage tritt man auf etwas verschwommen Hellblau-Weißes im Stein. Man tritt beiläufig darauf, viele Male, und erst nach einigen Tagen bleibt plötzlich der Fuß in der Luft stehen: Das Verschwommen-Abgetretene ist eine Israel-Fahne. In den staatlichen Fernsehnachrichten ist Israel stets „der Feind", eine Standardfloskel, ein Textbaustein. 1967 hat Israel die syrischen Golan-Höhen besetzt, 1981 das Hochplateau annektiert. Und obwohl das Assad-Regime starkes Interesse an Friedensverhandlungen hat, bleibt die syrische Öffentlichkeit auf den erstarrten Kriegszustand eingeschworen.     

Bassam al-Kadi, ein Journalist, ist aus den Selbstverständlichkeiten ausgebrochen. Er nahm Anstoß daran,  dass die arabischen Medien die Opfer israelischer Angriffe stets in allen schrecklichen, blutigen Details zeigten. „Sind wir so dumm, dass wir ohne diese grausamen Bilder nichts verstehen würden?" schrieb er. 24 Stunden am Tag diese Bilder, das würde die Seelen der Kinder zerstören; sie saßen zum Beispiel während des Libanon-Kriegs stets mit den Erwachsenen vor den Fernsehern „Macht die Katastrophe nicht noch größer!" warnte der Journalist.  Das war sein letzter Artikel.

Als Treffpunkt hat Bassam das „Restaurant der Veteranen-Vereinigung" vorgeschlagen. Ist das der schwarze Humor eines gefeuerten Journalisten? Die Syrer denken über solche Namen gar nicht nach, sie sind wie eine verblichene Tapete, vage Erinnerung an die Kultur einstiger Bruderländer. Das Essen ist hier billig, und es gibt Bier. Bassam raucht nervös, er ist ein zurückhaltender, sanftmütig wirkender Mann. Die Zeitung „An-Nur" (Das Licht), für die er arbeitete, gehört einer kleinen Partei im staatlich gelenkten Spektrum; die Entlassung verfügte die Parteileitung. Seine Kollegen in der Redaktion seien empört gewesen, „aber sie fügten sich; so ist es üblich in jeder syrischen Organisation". Die Journalistengewerkschaft? Kontrolliert von der Baath-Partei, da ist keine Hilfe zu erwarten. Trotz allem sei es keineswegs ausgeschlossen, dass er wieder eine Stelle bekomme. „In Syrien ist nichts unmöglich."       

 Ein regime change von außen, wie manche US-Strategen erwägen, das ist für Bassam eine völlig absurde Idee.  Veränderung muss von innen kommen, und das gehe nur langfristig, „wir müssen die Mentalität ändern." Mit zwei Dutzend anderen Ehrenamtlichen hat er eine unabhängige Webside „zur Beobachtung gesellschaftlicher Themen" gegründet. Eines der ersten Projekte war eine Kampagne gegen Ehrenmorde, die auch in Syrien vorkommen.  „Wir gehen neue Wege", erklärt Bassam. „Wir gingen persönlich zu einer ganzen Reihe von Scheichs und verlangten ihre Meinung, mit dem Hinweis, dass sie veröffentlicht würde. Daraufhin unterstützten uns die meisten." Die Webside zielt auf freie Diskussion „ohne Einmischung der Politik", wendet sich gegen Diskriminierungen jeglicher Art. „Artikel über religiöse Gruppierungen werden nicht veröffentlicht", heißt es im Statut.     

Zivilgesellschaft, das ist in Syrien ein riskantes Wort, es klingt nach Politik und Rebellion. Deshalb benutzen die Verfechter von mehr Bürgerbeteiligung vorsichtshalber im Arabischen ein Codewort: sie sagen „einheimische Gesellschaft". Jede Nichtregierungs-Organisation (NGO) braucht eine Genehmigung vom Sozialministerium. Viele bewerben sich jetzt darum, nur wenige mit Erfolg. Wer nach langem Warten eine Lizenz errungen hat, nimmt dann unter einigen Namensverrenkungen glücklosere Initiativen unter die Fittiche; nur so können sie zum Beispiel einen Raum im örtlichen Kulturzentrum nutzen. Syrische Lösungen.

Zwei Polizisten schauen argwöhnisch aus ihrer Klause, dahinter eine schwere Türe, an der Youm Abdul-Hosn empfängt. Eine Frau mit wirren schwarzen Locken und eleganten Bewegungen, eigentlich ist sie Töpferin. Was also tut sie hier, in einem Arrestzentrum für minderjährige Mädchen, die auf der Straße aufgegriffen wurden? Dies ist ein Experiment: Die Ehrenamtlichen einer NGO haben das Management einer staatlichen Einrichtung übernommen. „Es ist der erste Vertrag dieser Art zwischen einer Bürgerinitiative und dem Staat", sagt Youm. „Wir wollen die Korruption und den Missbrauch unterbinden, die in solchen Einrichtungen üblich sind. Die Beschäftigten hatten keine Motivation und keinen Respekt für die Mädchen."

            Die Ehrenamtlichen haben nun Kurse für die Insassinnen eingeführt, sie haben eine Psychologin ins Haus geholt und suchen nach späteren Arbeitsplätzen für die Mädchen. Privates, bürgerliches Engagement; für Syrien ist so etwas neu. Im Vorstand des Vereins sind übrigens wie in einem inter-religiösen Bilderbuch etliche Konfessionen vertreten. „Das war Zufall", sagt Youm, die Töpferin. „Für mich gibt es nur zwei Sorten Syrer: Die einen wollen die Mentalität im Land ändern, die andern wollen es nicht." 

*Zum Schutz der Betroffenen wurde nur der erste Name genannt.