Republik contra Religion

Ein selbstbewusster neuer Islam bedrängt die alten kemalistischen Eliten

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            Als die Mädchen die Polizisten sehen, öffnen sie ihre Kopftücher; sie tun es langsam und widerwillig, sie wollen nicht provozieren, aber sich auch nicht vorzeitig unterwerfen. Es sind noch drei Meter bis zum Portal der Istanbuler Universität, jetzt noch zwei. Der Stoff liegt lose auf dem Haar der Mädchen, sie zögern die Entblößung bis zur letzten Sekunde hinaus.

            Alle sind blass vor Aufregung an diesem Morgen, nicht nur die Kopftuch-Mädchen. Sie sind eine Minderheit in der Menge junger Leute, die sich schweigend dem Tor der Universität entgegen schiebt. Gleich werden drinnen die Zulassungsprüfungen beginnen; sie entscheiden darüber, wer studieren darf. Bleich vor Sorge bleiben Eltern und Geschwister zurück; sie werden hier ausharren die nächsten drei Stunden, hoffend und bangend. So ist es an diesem Sonntagmorgen in der ganzen Türkei. Viele Familien haben sich krumm gelegt, eine teure Schule bezahlt, haben seit Jahren hingelebt auf diesen einen Tag.

            Für die Kopftuch-Mädchen liegt vor der Prüfung dort drinnen die Prüfung hier draußen: Was ist ihnen wichtiger: Ihre Bildung, ihr künftiger Beruf oder ihr religiöses Empfinden? Der türkische Staat kennt keine Gnade, nicht einmal an diesem Tag - kein Schritt in eine Universität mit Kopftuch! Die Mädchen sind 17, 18 Jahre, gleich sollen sie drinnen ihre Bestleistung bringen, vorher werden sie zu einer Entscheidung gezwungen, die so unnötig erscheint und die ihnen doch ans Innerste geht. Wer aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, zieht es nicht aus wie eine Skimütze.       

            Wo die Polizisten stehen, verschwinden die letzten Zipfel Tuch. Drinnen, vor den Prüfungssälen, warten die Fernsehkameras, die Fotografen. Auch die säkularen Medien kennen keine Nachsicht, lassen den Mädchen keine Wahl. Prüflinge, ordnungsgemäß unverschleiert, ein Routinebild für die Nachrichten.

            Als die jungen Leute nicht mehr zu sehen sind, tritt auf der Straße aus der Gruppe der wartenden Eltern ein Vater vor mich hin und fragt in leicht theatralischem Ton: „Stört sich Europa an türkischen Kopftüchern?" Was soll ich ihm antworten? Der Europäische Menschengerichtshof in Straßburg hat das türkische Verbot gebilligt, hat sich gegen eine klagende Medizinstudentin auf die Seite des türkischen Staates gestellt. Mich hat die Szene am Universitätstor traurig gemacht. Gerade wenn man Länder kennt, wo die Verschleierung durch das Regime oder die Tradition erzwungen wird, kann einem der Zwang in umgekehrter Richtung nicht gefallen.

Wie in einem düsteren Märchen wird in der Türkei auf dem kleinen Stück Stoff ein großer, staubiger Kampf ausgetragen: um das Gesicht des Landes, um die Rolle der Religion, sogar um die Macht im Staat. Kein Gesetz, nur die Auslegung der Verfassung durch die obersten Richter untersagt das Kopftuch in Schulen und Universitäten, in allen Behörden und im Parlament. Das Tuch sei die Fahne der Republikfeinde, sagen die Richter, ein Symbol der Rebellion gegen den Laizismus, worunter man gemeinhin die Befreiung des öffentlichen Lebens von jeder religiösen Bindung versteht. In der Türkei wurde der Laizismus 1937, ein Jahr vor dem Tod von Kemal Atatürk, in der Verfassung verankert, als ein sogenanntes kemalistisches Prinzip.

Die Republik hat für die Frauenrechte damals einen großen Durchbruch gebracht. Die Vielehe wurde verboten, Scheidungs- und Erbrechte wurden egalisiert, und die Türkinnen bekamen bereits in den frühen 30er Jahren das aktive und passive Wahlrecht. Auch wenn der türkische Staat die Verschleierung von Frauen nie mochte: Die Konflikte begannen erst später, sie begannen nach dem Militärputsch 1980, verschärften sich nach der erneuten Intervention der Generäle 1997. Studentinnen mit Kopftuch wurden exmatrikuliert, Schülerinnen vom Unterricht ausgeschlossen, eine gewählte Abgeordnete sogar rüde des Parlaments verwiesen.

 Weil sie ihr Haar nicht zeigen wollte, trug Emine eine Perücke, zwei Jahre lang, an einer Fachschule für Zahntechnik. Emine ist jetzt 25, eine hübsche Frau mit wachen Augen und einem offenem Lachen, das bereitwillig eine Zahnspange freilegt. Wir sitzen im Hof einer ehemaligen osmanischen Koranschule, einer Idylle mit Kelims, Kissen und Kacheln, die sich „mystischer Teegarten" nennt und mit den Geheimnissen der Vergangenheit wirbt. Wir aber reden über die Mystizismen der Gegenwart. An Emine wirkt nichts fanatisch oder verklemmt oder irgendwie seltsam. Sie schiebt ihr Passfoto mit Perücke über den Tisch, die falschen Haare waren lang, der Pony hing bis zu den Augen, „damit möglichst viel bedeckt wurde". Aber hübsch sah sie immer noch aus, sicher auch hübsch für Jungs. Ist das alles nicht absurd? „Ja", sagt Emine, „es ist absurd. Ich fühlte mich so unwohl, ich fühlte mich wie jemand anders. Aber ganz ohne hätte ich nicht gehen können. Es ist ein Trauma."

Später hat sie im Fernstudium einen Abschluss in Business-Administration gemacht, gerade gründet sie eine Interessenvertretung für Zahntechniker. Zum Heiraten hatte sie noch keine Zeit, und auch danach möchte sie natürlich weiter arbeiten gehen. Eine emanzipierte, moderne Frau. Aber nein, das alles zählt nicht. Es kann nicht verhindern, dass sich in diesem Moment eine elegante alte Dame über unseren Tisch beugt und zu Emine hinüberzischt: „Du bist kein Kind der Republik!"

Was für ein Satz! Plötzlich wird dieser idyllische Teegarten zur politischen Bühne, zur kleinen Bühne im großen Streit: Kemalisten gegen Religiöse. Die alte Dame hatte Emines Erzählung mitgehört, sie war immer näher herangerückt, ihre Empörung gab ihr das Recht dazu; ein Perückenmädchen verdient keine Privatsphäre. Die alte Dame hat gefärbtes Haar und lackierte Fingernägel, sie weiß die Moderne auf ihrer Seite sowie Atatürk und hilfsweise noch ihren Sohn; der sekundiert mit Lektionen über die Verfassung. Emine bleibt gelassen, sie hat das schon oft erlebt; sie sagt nur: „Ich bin wie Sie eine Bürgerin dieses Staates."

Es folgt dann noch ein zweiter Akt auf der kleinen Bühne. Kaum ist die Kemalistin abgetreten, tritt ein unverschleiertes Mädchen auf, mit rundlichen nackten Armen und einem knapp sitzenden geringelten T-Shirt. Zur lebenslustigen Aufmachung kontrastiert der Ernst in ihrem Gesicht. Ob sie etwas zu unserem Thema sagen dürfe? Nagihan ist 20, sie erzählt: „Als ich Studentin wurde,  habe ich das Kopftuch ganz abgenommen. Erst habe ich jeden Tag geheult. Dann bin ich ins andere Extrem gekippt, bin im Bikini an den Strand gegangen, habe aufgehört, den Koran zu lesen. Erst langsam finde ich einen Mittelweg. Ich fühle mich schlecht, weil ich nicht so lebe, wie ich eigentlich leben will."

Geschichten, wie man sie an einem einzigen Vormittag sammeln kann. Mit ihren Schuldgefühlen und Gewissenskonflikten zahlen die jungen Frauen den Preis dafür, dass es in der Türkei kein Einvernehmen gibt in einer sehr grundlegenden Frage: Wie viel sichtbare Religiosität kann ein säkularer Staat akzeptieren? Und wie viel Religionsfreiheit muss eine Demokratie gewähren?

  Die Tür zu einer Reform des erstarrten Staats-Säkuralismus kann nur das türkische Verfassungsgericht öffnen - wenn es begänne, die republikanischen Grundlagen des Landes im Sinne von Demokratie und Vielfalt zu interpretieren. Der Staatspräsident spielt dabei eine entscheidende Rolle: Er beruft die Verfassungsrichter. Darum die Krise des Sommers 2007, darum der zugespitzte Machtkampf vor der Wahl des neuen Präsidenten Abdullah Gül. Der Amtseinführung des gemäßigt Religiösen blieben die Generäle demonstrativ fern; als würden sie einen Putsch erwägen, weil die First Lady sich in ein Stück Stoff hüllt.

Die obersten Richter behaupten gern, sie verteidigten die Republik gegen deren radikalste Feinde; tatsächlich ignorieren sie den Willen einer Mehrheit staatstreuer Bürger. Dreiviertel der Türken sagen in Umfragen, Studentinnen solle das Kopftuch erlaubt werden; darunter sind viele, die es selbst nie tragen oder bei ihren Töchtern missbilligen würden. Die Bevölkerung scheint toleranter, demokratischer als die säkularen Eliten, die sich seit Atatürks Zeit als Erzieher eines unreifen Volkes begreifen. Und die staatliche Religionsbehörde betrachtet das Kopftuch sogar als religiöse Pflicht - sie darf das indes nicht zu laut sagen, denn die Religion darf sich nicht in die Politik einmischen.

 Manche Gerichtsurteile lassen sich nur im Rahmen des politischen Machtkampfs deuten, so grob missachten sie die Persönlichkeitsrechte verschleierter Frauen. Wenn eine Lehrerin privat ein Kopftuch trägt, kann sie keine Schulleiterin werden: Sie tauge nicht zum Vorbild. Ein hochrangiger Richter untersagte Lehrerinnen sogar auf dem Weg zur Schule die Bedeckung; kurz darauf fiel er einem politischen Attentat zum Opfer.

Die Entsendung eines Religionslehrers ins Ausland wurde widerrufen, weil seine Frau Kopftuch trägt. Um ihre Karriere nicht zu gefährden, lassen sich manche Staatsbedienstete auf Empfängen von einer Ersatzfrau begleiten und geben sie als Gattin aus. Einer jungen Historikerin, die in Istanbul eine Ausstellung über herausragende Frauengestalten der osmanischen Ära zeigen wollte, wurde geraten, ihr Kopftuch auszuziehen: Dann fände sie leichter Sponsoren.

Vielleicht spiegelt sich in der Missachtung der Kopftuchfrauen der verzweifelte Versuch zu verdrängen, wie sich die Türkei verändert hat - oder diese Veränderung als eine Verschwörung zu interpretieren, also als etwas, das aufzulösen, rückgängig zu machen sei. Das Gesicht der Türkei wird islamischer, Jahrzehnte der Zuwanderung aus Anatolien haben die westliche, städtische Türkei quasi ärmer und religiöser gemacht - also gerade jenen Landesteil, den Atatürks Reformen am meisten prägten. Säkularisierung, dafür war damals vor allem die urbane Mittelklasse empfänglich. Aber Istanbul ist heute zehnmal größer 1920, die Alteingesessenen sind längst in der Minderheit.

 Von den 72 Millionen türkischer Muslime bezeichnen sich 97 Prozent in Umfragen als gläubig; allerdings sagt jeder Zweite, er bete allenfalls einmal pro Woche. Viele Türken hängen einem unorthodoxen, volkstümlichen Islam an, der Elemente von Heiligenverehrung und auch von Aberglauben enthält. Samstags drängen sich in Istanbul Menschen aller Schichten am Grab von Eyüp, einem Zeitgenossen des Propheten. Gebete sollen hier besonders wirksam sein. Familien bringen ihre Söhne her, bevor sie beschnitten werden. Verkleidet wie Sultane rüsten sich die kleinen Jungen an der Pforte zur Männlichkeit mit einem Plastikschwert - das ist in Miniatur die Kopie eines osmanischen Rituals: Die großen Sultane kamen zur Weihe des Schwerts an Eyüps Grab.

Das Beispiel zeigt, wie weit sich das Volk kemalistischer Sittenstrenge mittlerweile entzogen hat. Alles Osmanische war lange als reaktionär verpönt; früher trugen die Jungen eine Uniform zur Beschneidung.

Arme Frauen verschleiern sich häufiger als Reiche; im Streit zwischen Religiösen und Säkularen liegt auch eine Prise Klassenkampf. Aber nun sind da die jungen Schicken: Nach der Mode der Saison wickeln sie den Schal so eng wie möglich um den Kopf, die Enden werden in den Blusenkragen gesteckt. Der Schal kann aus kirschroter Seide sein, dann wird er nach hinten gebunden, und der Hals zeigt sich waghalsig nackt. Oder ein orangefarbener Streifenschal flattert weithin sichtbar hinter seiner Besitzerin her. Solche Frauen sind wandelnde Statements, gegen den autoritären Säkularismus ebenso wie gegen religiöse Prüderie.

In den vergangenen zehn Jahren seien 50 000 Studentinnen zum Verlassen der Universität gezwungen worden, heißt es in einer Beschwerde religiöser Türkinnen an die Vereinten Nationen; 5000 Staatsdienerinnen sei das Recht auf Arbeit genommen werden. Die Zahlen sind geschätzt, ohnehin nicht nachprüfbar. Dass den Kopftuchfrauen Bürgerrechte vorenthalten werden, kritisieren aber auch säkulare Verfechter von mehr Demokratie. „Wir müssen den Religiösen vertrauen. Anders geht es nicht. Jede Gesellschaft beruht auf Differenz und auf Vertrauen", sagt Dilek Kurban, sie ist Juristin bei TESEV, einer unabhängigen Stiftung für Sozialforschung.  Die energische junge Frau hat von ihrem Studium an der Columbia University nicht nur ihr rasantes amerikanisches Englisch mitgebracht, sondern auch die Sensibilisierung für diversity und für das Recht auf Anderssein. „In meinem eigenen Leben spielt Religion keine Rolle", sagt sie. „Aber wenn Du nicht die Rechte derer verteidigst, die anders sind als du, dann bist du kein Demokrat."

 Toleranz ist immer ein Wagnis, auch in der Türkei. Die kreativen, weltläufigen junge Istanbuler, die abends beim Cocktail in den Cafés des Stadtteils Beyoglu sitzen und die Gebetsrufe vorbeiwehen lassen, fühlen sich im Zwiespalt. Sie wollen nicht den doktrinären alten Kemalismus verteidigen, zugleich fürchten sie, eine weitere Islamisierung könne ihren Lebensstil, ihre geistige Freiheit bedrohen. „Wir sind in einer paradoxen Lage", sagt eine Filmemacherin. „Ethisch bin ich verpflichtet, für die Rechte der Religiösen einzutreten. Obwohl ich weiß, sie werden mir irgendwann meine Rechte nehmen."

 70 Jahre nach dem Tod von Kemal Atatürk kennzeichnet ein neuer selbstbewusster Islam die Türkei. Er hat seine Intellektuellen, seine Unternehmer hervorgebracht, seine Moden und Lebensstile. Die neuen Eliten messen ihre Kräfte mit den alten, und einem Mann wie Mustafa Karaduman kann man ansehen, dass ihm dieser Machtkampf regelrecht Freude macht. Der Chef des Textilunternehmens „Tekbir" ist der Schneider des neuen sichtbaren Islam; er hat die Verhüllung zu einer Mode gemacht, hat den Islam in die Schaufenster gebracht, auf die Bürgersteige der besseren Viertel und in die Restaurants der aufstrebenden muslimischen Bourgeoisie.

Karaduman, 53, hat nichts Frömmelndes. Den Vollbart, das Erkennungszeichen der Religiösen, kombiniert er mit einem flott glänzenden Streifchen-Anzug; während des Interviews checkt er in beiläufiger Coolness seine SMS. Er ist ein Aufsteiger, ein Selfmademan aus Anatolien, fing als Bügler und Näher an. Heute hat er seine „Tekbir"- Geschäfte in jeder größeren türkischen Stadt, 14 sind es allein in Istanbul; in Deutschland verkauft er über Franchise-Läden.

„Tekbir", das ist die Bezeichnung für den berühmten Ruf Allahu Akbar, Gott ist der Größte. Eine Modekette so zu nennen, das war vermessen und genial - das Heilige als household name. „Ich genieße es, ein Muslim zu sein", sagt Karaduman selbstsicher und gedehnt, mit Lust an Provokation und einem sehr direkten Blick in die Augen seiner Besucherin.

Als er 1982 anfing, trugen die Frauen in Istanbul Röcke bis unters Knie, kemalistische Länge. Er führte die Hose mit Mantel oder langer Tunika ein, die taillierte  Ganzkörperverhüllung. 30 000 solcher Kombinationen produziert er nun im Monat, sie sind nicht billig, die meisten Kundinnen kommen aus der Mittel- und Oberschicht.

Berühmt wurde Karaduman 1992 mit seiner ersten Modenschau. Er schickte normale Models auf den Laufsteg - verschleiert. Religiöse Türken waren empört, säkulare spotteten. Er hielt beiden Seiten entgegen: „Was wollt ihr denn? Ich bedecke doch nur die Models, die sonst halbnackt auftreten würden."

Durch Karadumans Schlitzohrigkeit und seinen Charme schimmert erst allmählich hindurch, wie radikal er ist. „Bei der Abendmode haben wir keine Vorbehalte gegen ein Dekolleté", sagte er, „weil Männer und Frauen getrennt feiern". Als sei Geschlechtertrennung in der Türkei normal - was sie keineswegs ist. Er verkauft Badeanzüge, die aus langer Hose und langer Jacke mit Haube bestehen, aber selbst in dieser Froschkostümierung will er Frauen nur an einem männerlosen Strand sehen.

So rigoros denkt nur eine Minderheit der religiösen Unternehmer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist eine neue Kaste gläubiger Geschäftsleute entstanden, häufig kamen sie wie Mustafa Karaduman aus Anatolien, waren die Söhne (seltener die Töchter) von Migranten, die erste Generation mit städtischer, höherer Bildung. Bei MÜSIAD, dem größten von drei islamischen Wirtschaftsverbänden,, sind 2750 Unternehmer organisiert, meist Mittelständler, fast alle Branchen sind vertreten. Der Verband hat  Zweigstellen in 27 türkischen Städten und auch in Deutschland. „Wir sind sozial-konservativ und religiös, aber in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht radikaler als die Großunternehmer", erklärt der Vize-Vorsitzende von MÜSIAD. „Gain from change, wir haben nichts zu verlieren; vom Status quo profitieren nur die Großen. Wir sind nicht abhängig vom Staat, weil wir zu klein sind für Staatsaufträge. Wir sind für freie Märkte und für den Beitritt in die EU."

Es war der Wirtschaftstechnokrat Turgut Özal, Premierminister und Staatspräsident in den 80er Jahren, der den Aufstieg des islamischen Unternehmertums und die Entstehung einer islamischen Elite begünstigte. Sein jüngerer Bruder Korkut ist heute noch eine wichtige Figur in der Finanzwelt des Islamic Banking. Bemerkenswert an den beiden Özals ist: Sie entstammen einer jahrhundertealten religiösen Bruderschaft, dem Nakshibendi-Orden. Eine mystische, am Sufi-Islam orientierte Gemeinschaft, das klingt zunächst weltfern. Aber diese Bruderschaft mit etwa zwei Millionen Anhängern wurde zum Humus für den Aufstieg eines ehrgeizigen, modernen Islam. 1925, kurz nach Gründung der Republik, wurde der Orden verboten, und obwohl das Verbot bis heute niemals formell aufgehoben wurde, entstammen den Nakshibendis erstaunlich viele einflussreiche Männer in den Spitzen der türkischen Wirtschaft und der Politik.

Das Verbot der Nakshibendis erinnert an die autoritären ersten Jahrzehnte der türkischen Republik. Sie näherte sich ihren Bürgern von Beginn an als Erzieher. Der Islam galt als Hindernis für Fortschritt und Entwicklung, und die Bürger wurden nicht für reif genug gehalten, um Religion frei handhaben zu dürfen. Damals wurden die religiösen Lehranstalten abgeschafft, die mystischen Bruderschaften aufgelöst, sogar die Pilgerreise nach Mekka war zeitweise untersagt. Aber der Islam überlebte die radikale Ausgrenzung, ging quasi in den Untergrund; später stabilisierten sich die Bruderschaften wieder und durchzogen die Gesellschaft erneut mit einem Netzwerk, wie es bereits in der osmanischen Zeit der Fall war.

Korkut Özal, der Bruder des verstorbenen Staatspräsidenten, wird mir als bester Informant empfohlen, wenn ich mehr über die Nakshibendis wissen wolle, über das Zusammenspiel von Politik, Geld und Religion. Der alte Mann redet lange - und hüllt sich dabei über alles Wesentliche in Schweigen. Im Schutz spiritueller Geheimnisse bleiben die politischen gewahrt. 

Spätestens hier betreten wir ein schwer zu durchdringendes Terrain. Parallelgesellschaften - in der Türkei gibt es sie wirklich. Weitverzweigte islamische Gegenwelten in Business und Bildung, meist sind sie staatstreu und staatsfern zugleich, und sie verbinden islamische Identität mit ganz diesseitigem Erfolgsstreben.

Das naturwissenschaftliche Fatih-Lyzeum am Stadtrand von Istanbul nimmt nur gute Schüler. Eine private Eliteschule, deren islamischer Hintergrund sich dem bloßen Auge nicht zeigt. Für das Gespräch mit mir hat die Schulleitung die 15jährige Reyhan ausgewählt, eine ungeduldige Hochbegabte, sie ist die Türkeibeste in Mathematik. Reyhan, Tochter eines Polizisten, hat ihre Karriere schon bis Harvard vorausgedacht, sie inspizierte diverse Schulen und wählte schließlich das Fatih-Gymnasium, weil es ihr die besten Lernbedingungen bietet: kleine Klassen, super Labors, ausgezeichnete Lehrer. Das Schulgeld von über 6000 Euro wird ihr erlassen. So werben die Fatih-Lyzeen - es gibt 150 in der Türkei -  jedes Jahr um die tausend Klügsten der Nation. 

Hinter den Fatih-Schulen steht eine weltweit agierende türkisch-islamische Bildungsbewegung, gesponsert von ihr nahestehenden Unternehmern. Baut neue Schulen statt neue Moscheen!, predigte Fethullah Gülen, der geistige Vater und Namensgeber der Fethullahçis. Nur durch mehr weltliches Wissen könnten die Muslime ihre Abhängigkeit vom Westen überwinden. Mit Schulen von Tanzania bis China, viele davon in den Turk-Staaten Zentralasiens, wirbt die Bewegung um die örtlichen Eliten. Sie sollen die Türkei als Modell sehen, und auch der Islam soll sich international rehabilitieren unter Führung einer starken Türkei. Solch ein Nationalismus gefällt dem türkischen Staat - einerseits. Andererseits fürchtet er, die schlauen Fethullahçis könnten eines Tages nach den Schalthebeln der Macht greifen. Vorsichtshalber wurde der populäre Prediger Gülen mit einer Anklage außer Landes getrieben; er lebt in den USA.

Gerade hat die Bewegung in Istanbul eine „Türkisch-Olympiade" organisiert, einen Sprachwettbewerb mit Jugendlichen aus etlichen Ländern, in denen Türkisch nicht gerade Verkehrssprache ist. Über einem Foto von afrikanischen Teilnehmern in bunten Gewändern steht in der bewegungseigenen Tageszeitung „Zaman": „Nein zu Englisch, Ja zu Türkisch". Gegen Verwestlichung, kulturelle Verflachung und säkularen Materialismus, so lässt sich grob die redaktionelle Linie von „Zaman" (Zeit) umreißen.  Das optisch anspruchsvoll gemachte Blatt hat nach eigenen Angaben 600 000 Auflage und eine vorwiegend akademisch gebildete Leserschaft. Von seiner Europa-Ausgabe verkauft Zaman 30 000 Exemplare in Deutschland; auch hierzulande scheint sich also ein religiös-intellektuelles Milieu zu entwickeln.

Besuch in der Redaktion: Edles Design, feine Technik, beim Chefredakteur hängt moderne Malerei. Die Belegschaft ist jung, mit und ohne Kopftuch, 500 Leute arbeiten für die Tagezeitung und ein Wochenmagazin. Drei Meinungsseiten täglich sollen die wichtigsten Fragen der Gesellschaft debattieren.

 Im obersten Stock der Redaktion sitzt Ali Bulaç im zerdrückten Anzug auf einem acht Meter langen schwarzen Designer-Sofa - ein Intellektueller, der nicht ganz in diese kühle Ästhetik passen will. Bulaç, Autor und Soziologe, ist einer der einflussreichsten islamischen Köpfe der Türkei. Er dachte jenen Weg vor, der Tayyib Erdogan und seine Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei (AKP) später aus der Oppositionsecke heraus und auf die Regierungsbank führte sollte.  Die Idee eines islamischen Staats sei „tot", schrieb Bulaç, die Alternative zum autoritären Kemalismus sei stattdessen ein demokratischer, ideologiefreier Staat, der Religiöse nicht diskriminiere.

Heute ist Bulaç enttäuscht, enttäuscht von Erdogans Politik, vor allem aber auch von Europa. Religionsfreiheit, sagt er,  beschränke sich für die Europäer offensichtlich darauf, mehr Rechte für die 1,4 Prozent türkischen Christen zu verlangen. „Als der Menschenrechtsgerichtshof dem Kopftuchverbot seinen Segen gab, da haben wir verstanden, dass wir von Europa nichts zu erwarten haben. Die Rechte der Muslime stehen nicht auf der europäischen Agenda." Europa werde in sich gekehrter, kapsele sich ab, sagt Bulaç, „ich bezweifle, ob Europa die Welt noch versteht. Jedenfalls wachsen dort keine großen Intellektuellen mehr, kein Kant, kein Hegel." Eine EU-Mitgliedschaft hat für ihn allen Glanz verloren, überhaupt diese Fixierung auf den Westen, das hat die Türkei doch gar nicht nötig! „Es wird gerade eine neue Welt gegründet, die Gewichte verlagern sich von West nach Ost, nicht nur wirtschaftlich, auch intellektuell, und die Türkei hat große Märkte um sich herum."

Die Türkei war nie eine Kolonie; dies ist einer der Gründe, warum ein radikaler politischer Islam hier weniger fruchtbare Erde fand als in den meisten arabischen Staaten. Das Ende des osmanischen Reichs und die Einschränkung osmanischer Souveränität durch die europäischen Großmächte haben zwar eine historische Kränkung hinterlassen, die den Nationalismus nährte und das Misstrauen gegen den christlichen Westen wach hielt, sogar gegen die Christen im eigenen Land. Aber diese Kränkung ist nicht gleichzusetzen mit der ausgeprägten Opfermentalität und den Minderwertigsgefühlen, die im arabischen Kontext Radikalismus und Vergangenheitsverklärung begünstigten. Die Türkei hat keinen einzigen namhaften islamistischen Ideologen hervorgebracht; erst durch Übersetzungen wurden in den 60ern Jahren einschlägige Schriften aus Pakistan und Ägypten bekannt.

Nun jedoch zieht sich durch viele Gespräche ein Groll aus jüngeren Quellen, eine Verdrossenheit am Westen und an dessen doppelten Standards. Wie kann es sein, dass der große NATO-Bruder USA beim Foltern erwischt wird, während sich der Westen der Türkei gegenüber als Lehrmeister im Fach Menschenrechte aufspielt?

Mustafa Ercan, der Istanbuler Vorsitzende der muslimischen Menschenrechtsorganisation „Mazlumder" verbirgt seine Reserviertheit mir gegenüber nicht: Soll er sich ausgerechnet bei einer westlichen Journalistin darüber beschweren, dass in der Türkei Muslime von Muslimen religiös unterdrückt werden? Sein Verband wurde 1991 von 54 Leuten gegründet, heute hat er 10 000 Mitglieder und Zweigstellen in vielen Städten. Eine Parallelstruktur zu den säkulären, eher links konturierten Menschenrechtsgruppen. Die Solidarität von Mazlumder gilt nicht allein Religiösen, betont Ercan, aber doch vorrangig; auch seine Ethik beruft sich auf religiöse Quellen: Zunächst auf Mohamed, der unter den Händlern von Mekka ein Verfechter von Fairness gewesen sei, bevor er zum Propheten wurde. Ferner auf die zehn Gebote Moses und die Bergpredigt. „Wir versuchen, das Bewußtsein zu verändern", sagt Ercan. „Wir können den Mädchen nicht das Recht auf Verschleierung verschaffen. Aber wir helfen ihnen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden."

Von Europa verspricht sich der Aktivist nicht einmal mehr einen Dialog. „Der Westen zwingt sein Denksystem dem Rest der Welt  auf. Es geht nicht nur um den Islam; der Westen akzeptiert schlicht nur sein eigenes Denken und behauptet dann, es sei universell. Das ähnelt  Gehirnwäsche."

Die Linken sind säkular, die Religiösen konservativ - diese Gleichsetzung ist in der Türkei oft zu hören.  Kenan Çamursu will sich da nicht einfügen. Der 45jährige Autor und Essayist stellt sich provokant als „linker Islamist" vor und schiebt gleich nach, was er für den Gegenpol seines eigenen Islam-Verständnisses hält: „Die Taliban waren Faschisten."

Çamursu hatte als Treffpunkt ein Istanbuler Wasserpfeifen-Café vorgeschlagen. Mit seinem halblangen, gewellten grauen Haar würde man den kleinen Mann im roten Polohemd im ersten Moment eher der Werbebranche zuordnen als islamischen Zirkeln. Çamursu redet ruhig und konzentriert; er hat internationale Beziehungen studiert, spricht arabisch und persisch, und wenn er erklärt, was er unter links versteht, dann merkt man, dass er natürlich auch die westlichen Diskurse kennt - ohne sich selbst Richtung Westen zu orientieren.

Seinen links-islamischen Gegenentwurf zum „totalitären Säkularismus" umreißt er so: möglichst wenig Staat, der Staat soll sich auf seine Grundfunktionen beschränken, darf sich nicht in das tägliche Leben der Bürger einmischen; Pluralismus, Individualismus und Demokratie könnten nur durch eine starke Zivilgesellschaft erreicht werden. Und genau an diesem Punkt habe Erdogan versagt - ebenso wie die Reformer im Iran um den ehemaligen Präsidenten Khatami, fügt Çamursu überraschend hinzu. Beide hätten einem veralteten Begriff von Macht angehangen statt die Bürger zu mobilisieren, „beide haben die Konfrontation mit der alten Garde gescheut", mit der kemalistischen in der Türkei, mit der theokratischen im Iran.

Türkei und Iran: In der Tat wirken beide Länder wie spiegelbildlich verkehrt. In der Türkei werden die öffentlichen Ansprüche des Islam staatlich-autoritär in Zaum gehalten. Im Iran wird hingegen der öffentliche Raum von einer staatlich instrumentalisierten Religion beherrscht. Hier das Kopftuchverbot, dort der Kopftuchzwang. Auch die Wirkung ist paradox: Die Bevölkerung der säkularen Türkei wird heute für religiöser gehalten als jene im Iran. -

 

 Man muss in der Türkei weiter nach Osten fahren, um Menschen zu treffen, die nach Westen blicken - und Europa noch etwas abgewinnen können. Anatolien, das neue Mittelanatolien! Von hier laufen die Leute nicht mehr weg, hier kommen sie hin, hier gibt es Arbeit, Entwicklung.

Kayseri war eine staubige Kleinstadt an der historischen  Seidenstraße. Nun wandert der Blick vom zwölften Stock eines Hilton-Hotels über die anthrazit-schimmernden Kuppeln der alten Moscheen zu einem breiten Gürtel pastellfarbener Hochhäuser. Hellgrün, blassrot, gelb, in alle Himmelsrichtungen dehnen die Wohntürme der Zugezogenen die Stadt, winzig wirkt ihr alter Kern in der Mitte. „Anatolischer Tiger", so wird Kayseri genannt.  Hier sprang ein islamisch konturierter Kapitalismus ins Guinness-Buch der Rekorde: 139 Firmen an einem Tag eröffnet! Das war 2004; ein Jahr später waren es 232, so ging es weiter. Die Info-CD der örtlichen Industriezone wird alle sechs Monate neu gebrannt, so rast die Entwicklung.

Kayseri ist schon lange eine Hochburg islamischer Parteien.  Ein früherer Bürgermeister, zugleich Jura-Professor, saß wegen einer Bemerkung über Atatürk zeitweilig im Gefängnis. Er war der erste, der Kayseris Arbeitsethos „protestantisch" nannte; ein deutsch-türkischer Think-Tank taufte die Unternehmer wegen ihres frommen Fleißes später „islamische Kalvinisten", das machte Furore. Die Leute in Kayseri nahmen das Angebot zur Selbststilisierung dankbar an; der Satz „Arbeiten ist wie Beten" fällt hier nun merklich oft, und für eine deutsche Besucherin wird womöglich noch mit einem Augenzwinkern angefügt, in Deutschland wolle ja niemand mehr arbeiten.

Ich fahre nach Hacilar, das ist eine Kleinstadt in den grünen Hügeln oberhalb von Kayseri, sie gilt als Wiege des Wirtschaftswunders. Von hier stammt Mustafa Boydak, der Möbelkönig der Türkei. Ein Mann mit nur einem Jahr Schulbildung, der es vom Lehrling in einer Schreinerei zum Besitzer eines Großkonzerns mit 20 000 Beschäftigten brachte. Nun schmiegen sich erstaunlich viele Villen mit ihren roten Dächern in die grünen Hügel. Im Flur des Bürgermeisteramts zeigt eine Tourismuswerbung ein Trachtenmädchen mit Pferd vor schneebedeckten Bergen - eine anatolische Heidi. Aber Hacilars Bürgermeister sitzt neben einem Flachbildschirm und schlägt ganz andere Töne an. Zu glauben, in der Türkei verkörperten Ost und West die zwei Gesichter des Landes, nämlich Traditionalität und Modernität, das sei ein falsches, veraltetes Türkei-Bild der Europäer. „Verwechseln Sie die Anatolier von heute nicht mit der ersten Generation von Einwanderern in Ihrem Land! Früher knüpften hier 2000 Familien Teppiche. Heute sind wir so modern wie ihr im Westen."

Zum Charakter eines anatolischen Tigers gehört auch dies: Die religiösen Unternehmer wetteifern im Sponsorentum. Hier ein schlüsselfertiges College vom Möbelkönig, dort eine ganze Jura-Fakultät. In Hacilar wurden von 13 Schulen elf privat gebaut, dazu eine Sporthalle, ein Krankenhaus, sogar die Polizeistation. Als wollten diese muslimischen Rotarier beweisen, dass der Staat eigentlich verzichtbar ist. Der Vorsitzende der Sponsoren-Riege ist ein Textilunternehmer; er schenkt mir ein dickes himmelblaues Handtuch zum Beweis, dass sich die EU der Qualität türkischer Produkte nicht werde schämen müssen. Dann sagt er noch: „Die Türkei ist ein Leitstern für andere islamische Länder. Wenn wir in der EU sind, wird das gut sein für Europa. Wenn wir Europas Hand halten, wird alles gut." -

 

            Am Stadtrand von Ankara steht ein prächtiger Neubau. Es könnte sich um die Zentrale eines Großkonzerns handeln, tatsächlich ist es das „Amt für religiöse Angelegenheiten", die staatliche Religionsbehörde. Der Vergleich mit einem Konzern geht dennoch nicht ganz fehl: Hier sitzt ein Monopolist, er hat 80 000 Angestellte, einen Jahresetat von gut 600 Millionen Euro, und er achtet eifersüchtig darauf, dass in den 80 000 Moscheen des Landes nur seine Produkte gehandelt werden. Sie tragen das Siegel: Staatlich geprüft, garantiert politikfrei.

Laizismus, das bedeutet in der Türkei keineswegs die Trennung von Staat und Religion. Die Religion darf nicht auf die Politik einwirken, aber der Staat sehr wohl auf die Religion. Und während der Staat nicht einmal das Zipfelchen eines Kopftuchs in einer Pförtnerloge duldet, unterwarf er den Islam seiner Kontrolle, hat ihn `mal gestutzt, `mal gefördert und instrumentalisiert, etwa im Kampf gegen Linke und gegen Kurden.

 In die Bundesrepublik kam der türkische Staatsislam Anfang der 80er Jahre, er kam als Ordnungsmacht, denn in den Hinterhof-Moscheen der Emigranten war ein wilder Islam gewachsen; es galt, das anti-laizistische Unkraut zu beseitigen und die gefährlichen Blüten auf einem Markt konkurrierender Ideen. Doch sein Monopol konnte der Staatsislam unter den Migranten nie mehr ganz zurück gewinnen.   

Ali Bardakoglu, der Amtspräsident, sitzt am Ende einer Zimmerflucht hinter zwei hohen Aktenstapeln - die Kombination illustriert Grandezza und Enge im Amt des ranghöchsten Theologen. Der 55jährige Professor verkörpert in der symbolträchtigen Kopftuchfrage die Zerrissenheit seines Landes in der eigenen Person. Das Tuch sei „eine religiöse Verpflichtung", sagt er im Einklang mit der weltweiten konservativen Doktrin, die über den reinen Wortlaut einschlägiger Koranstellen hinausgeht. Allerdings bleibe eine Muslimin auch unbedeckt eine Muslimin, fügt Bardakoglu hinzu, denn jedes Individuum könne sich für oder gegen die Erfüllung religiöser Anforderungen entscheiden.  Er wünsche sich, dass „jeder frei und nach eigenem Gutdünken leben" könne, wolle sich aber „nicht in politische Entscheidungen einmischen". Den Mädchen am Tor der Universität hilft das alles wenig, das weiß er selbst.

Der Staat als Lieferant und Finanzier religiöser Dienstleistung: Dieses türkische Modell verteidigt Bardakoglu entschieden, rühmt es sogar als Vorbild für die übrige islamische Welt. „Die Finanzierung im Stil eines freien Markts ist in vielen Ländern die Ursache für Chaos und Unordnung in religiösen Fragen." Der Beweis, wie mit dem türkischen Modell Religionsfreiheit möglich ist, steht allerdings noch aus. Etwa 20 Prozent der türkischen Muslime sind Alewiten, eine Minderheit, die sich weder bei Sunniten noch bei Schiiten heimisch fühlt. Anders als die Imame bekommen die alewitischen Vorbeter kein Gehalt vom Staat, und während die türkischen Christen jetzt immerhin an einigen Orten Kirchen bauen dürfen, klagen Alewiten, ihre Gebetshäuser würden nicht anerkannt.

Gleichwohl möchte sich der Chef des Staatsislam einen Namen als Reformer machen. Vorsichtig versucht Bardakoglu, die staatliche Umklammerung ein wenig zu lockern, gibt den Imamen vor Ort mehr Spielraum. Und er will beweisen, was dem Islam seit Atatürk als Beweislast aufgegeben ist: Dass er in die moderne Gesellschaft passe. „Religion darf nicht Teil des Problems sein, sondern muss Teil der Lösung sein." Also setzt er Akzente: Organspende ist islamisch erlaubt, Zwangsehe nicht. In den Freitagspredigten, die aus Ankara an die 80 000 Moscheen geschickt werden, geht es nun häufig um Menschenrechte und um Frauenrechte. Das sind neue Töne.  Bardakoglu holte auch Frauen an Bord seiner vorher fast ausschließlich männlichen Behörde. Als Vaize, das ist eine akademisch ausgebildete Rechtsgelehrte, können sie Fatwas erteilen, islamische Rechtsauskünfte. Als Vize-Müftü auf Provinzebene haben sie die zweithöchste Position, sind Vorgesetzte vieler örtlicher (männlicher) Muftis.

So systematisch fördert kein anderes islamisches Land Frauen in seiner theologischen Hierarchie.

Überall drängen Musliminnen in die höhere religiöse Bildung; an den theologischen Fakultäten der Türkei stellen Studentinnen mittlerweile die Mehrheit. Allerdings ist die Islambehörde die einzige staatliche Institution, wo eine Akademikerin Kopftuch tragen darf. Dort muss sie es dann aber auch - zwar nicht offiziell, aber dem internen Druck geschuldet. Wie kompliziert ist das Leben der Frauen!

 

            Besuch bei einer islamischen Feministin. Hidayet Tuksal wollte erst nicht mit mir reden. Sie war sehr skeptisch gegenüber einer westlichen Journalistin, ließ sich eine Artikelprobe zum Thema Islam schicken, und danach bedurfte es noch der telefonischen Überredungskunst meiner Dolmetscherin. Nun aber hat sie für unser Treffen sogar noch schnell frisches Obst geholt, weiße Beeren, eine türkische Spezialität.

            Hidayet Tuksal trägt ihr Kopftuch wie eine Bäuerin, ganz bieder unterm Kinn geschürzt, dazu ein langes, schlappendes Kleid. Hinter dem unprätentiösen, ein wenig altertümlichen Äußeren verbirgt sich eine Intellektuelle, eine hochqualifizierte Theologin. Für ihre Doktorarbeit forschte sie acht Jahre lang aus Frauensicht über die Hadithe, die Überlieferungen des Propheten. Ihre Befunde wurden in den Medien und auf Konferenzen debattiert, aber eine akademische Position hat sie nie bekommen - weil sie darauf besteht, das Kopftuch zu tragen. „Ich kann nicht einmal die Bibliotheken benutzen. Manchmal schleiche ich mich wie ein Dieb durch einen Nebeneingang, um Freunde an einer Universität zu besuchen."

            In der Türkei gibt es seit mehr als 20 Jahren eine feministische Bewegung, doch verstehen sich diese Frauen meist als säkular. Dass sich eine religiöse Frau als Feministin bezeichnet, ist ungewöhnlich - sie setzt sich damit zwischen alle Stühle. „Es kostet mich einiges, dass ich mich so nenne", sagt die Theologin fröhlich. „Die meisten religiösen Aktivistinnen vermeiden das Wort, denn es wird oft mit lesbisch gleichgesetzt. Aber das kann mich nicht einschüchtern." Den Unterschied zum westlich eingefärbten Feminismus erklärt sie so: „Wir verlangen keine sexuelle Freiheiten und nicht das Recht auf Abtreibung." Und die islamischen Feministinnen sind überzeugt, dass Emanzipation mit und durch den Islam möglich ist und nicht gegen ihn erkämpft werden muss.

            „Das Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung zu sehen, das ist völlig falsch", sagt Hidayet Tuksal. „Die verschleierte Frau ist in der Türkei zum Feindbild geworden, sie ist als `die Andere` schlechthin definiert worden. Und am meisten schockiert über uns sind die gebildeten älteren Frauen, die 50-, 60jährigen. Die dachten, sie hätten mit den Kopftüchern die Unterentwicklung der Türkinnen hinter sich gelassen. Und nun sehen sie uns, und sie denken, sie sehen Gespenster! Hilfe, die Unterentwicklung kommt zurück!" Hidayet lacht.

            Sie hat mit anderen Aktivistinnen aus religiösen und konservativen Gruppen bereits 1995 in Ankara die „Plattform der Hauptstadt-Frauen" gegründet; der Dachverband überraschte mit Kampagnen, die aus dem religiösen Lager nicht erwartet wurden, zum Beispiel für die Reform des Strafrechts. Es führt nun Vergewaltigung in der Ehe und „Angriffe auf die sexuelle Immunität" als Straftatbestände auf. 

            In jüngerer Zeit brachten Hidayet und ihre Mitstreiterinnen zwei Kulturen an einen Tisch, die sich noch nie die Hand gegeben hatten:  der Staatsislam und die säkulare Frauenbewegung. Beide misstrauten einander zutiefst, hatten aber ein gemeinsames Ziel: Ehrenmorde bekämpfen. Die Islambehörde brauchte die Erfahrung der Aktivistinnen, und die wollten das Instrument religiöser Autorität nutzen, wollten die Stimme der Imame. An der ersten Predigt gegen Ehrenmorde, die von der Islambehörde ins ganze Land geschickt wurde, schrieben sechs Frauengruppen mit. Die Predigt wurde in den Moscheen am Internationalen Frauentag verlesen.

 

Diyarbakir in Südostanatolien empfängt mit Backofenhitze. Die Leute schlafen auf den Dächern, als Bett fungiert ein simples Gestell, an dem zur Wahrung familiärer Intimität rundum ein Vorhang befestigt werden kann. Nachts zwischen drei und fünf kühlt es ein wenig ab.

Alte Männer tragen Weste zur Pluderhose, die sich schmal und altmodisch elegant um ihre Unterschenkel legt. Viele Frauen gehen unverschleiert, die Alten tragen das leichte weiße Tuch der Kurdinnen, und natürlich hat auch hier der Herr Karaduman ein „Tekbir"-Geschäft für die mittelständische Verhüllungsmode. Manchmal marschieren drei Generationen in den drei Stilen nebeneinander: die Oma kurdisch, die Mutter à la Tekbir, die Tochter blank.

Ich übernachte bei der Familie eines Bekannten. Der Vater, ein Lehrer, wurde schon vor vielen Jahren als Sympathisant der kurdischen Sache erschossen. Die Mutter zog acht Kinder alleine auf und brachte sie alle an die Universität! In der Nacht überlässt sie mir ihren Schlafplatz auf dem Balkon, und als ich am Morgen meine Strümpfe suche, stelle ich fest, dass die Mutter sie heimlich nachts gewaschen hat.

Diyarbakir lag lange im Zentrum des Bürgerkriegs. Jetzt dürfen die Restaurants laute kurdische Musik spielen, in den Buchhandlungen liegt kurdische Literatur, doch die soziale Lage ist desolat. Die Stadt ist auf 1,5 Millionen Menschen angeschwollen, viele wurden früher vom Militär aus ihren Dörfern vertrieben. Nun sind sie Entwurzelte, seelisch irgendwo im Niemandsland zwischen Dorf und Stadt. Vor allem für Mädchen ist dieser Übergang gefährlich; sie sehen die Freiheiten der Stadt, aber die Familien wollen die Mädchen  halten wie in der Enge des Dorfs.

  Auf Messers Schneide zwischen Tradition und Moderne geschehen die meisten Ehrenmorde. Das ist nicht nur in Südostanatolien so, sondern auch in der Schwarzmeer-Gegend und bei den ländlichen Zuwanderern in Istanbul. Aber es ist üblich geworden, den Südosten als Herz der Finsternis, als Trutzburg des gewalttätigen Patriarchats zu zeichnen. Das hat viele hier hellhörig und misstrauisch gemacht: Soll womöglich jene Region, die an der Außengrenze der künftigen Europäischen Union liegen würde, als Sündenbock herhalten oder als Vorwand, wenn es mit dem Beitritt in die EU nichts wird?

Naside Buluttekir, eine zierliche Lehrerin mit einem Glitzerstein im Nasenflügel,  brachte vor einigen Jahren als eine der ersten die Debatte über Ehrenmorde in Gang. Auf Umwegen: Sie veröffentlichte einen besonders grausamen Fall auf der Webside der feministischen Organisation „Fliegende Besen", von dort griff den Fall die BBC auf, von der BBC kam er in die türkische Presse. Heute ist Naside Buluttekir nicht mehr glücklich über das Interesse ausländischer Medien am Thema Ehrenmorde, sie vermutet gar „eine Verschwörung all derer, die uns nicht in der EU haben wollen".

Ausgerechnet diese zierliche Lehrerin, die viele Nächte am Sterbebett von Ehrenmord-Opfern gewacht hat, bringt mich dazu, die andere Seite dieses stigmatisierten Südostanatolien zu sehen: Nirgendwo sonst in der Türkei gibt es so viele und so aktive Frauenorganisationen. „Kamer", die größte, hat 23 Frauenzentren aufgebaut, arbeitet mit tausenden Freiwilligen. Es gibt weibliche Bürgermeister und weibliche Islam-Gelehrte. Ihr aller Feind sind die feudalen Verhältnisse, die Clanchefs; sie haben sich als informelle religiöse Autoritäten etabliert, zu ihnen kommen Familien, die zwischen Religion und archaischen Sitten nicht unterscheiden können. Sie fragen: Müssen wir unsere Tochter töten? Oft hören sie: Tötet sie.

Ein paar Kilometer weiter sitzt der Provinz-Mufti von Diyarbakir hinter einem gewaltigen Schreibtisch und sagt: „Niemand auf der ganzen Welt kann eine Fatwa zugunsten eines Ehrenmords erlassen! Das ist völlig außerhalb des Islam."

Auch dies ein Kräftemessen: Religion gegen Tradition. Kann sich der Islam als eine rationale Religion durchsetzen gegen die finstere Irrationalität feudaler und patriarchalischer Verhältnisse?

            Die Propaganda der Tat fing mit einer Beerdigung an, mit 20 Frauen und einem Imam. Eine Schwangere war gesteinigt worden, hatte sieben Monate im Koma gelegen; als sie starb, wollte die Familie nicht einmal die Leiche holen. 20 Frauen und ein Imam trugen sie zu Grabe. Ein halbes Jahr später der nächste Fall: eine 15jährige, von ihrem Cousin vergewaltigt, dann gesteinigt. Diesmal kamen 500 Frauen und Männer und der Imam. Der Sarg wanderte von Hand zu Hand, das ist eigentlich Männersache, ein Foto zeigt, wie die Frauen den Sarg umringten, es waren Frauen mit und ohne Kopftuch. -

 

 Am Ende dieser Reise durch den türkischen Islam traf ich einen kleinen Mann im senfgelben Mantel. Es war nach dem Freitagsgebet in Diyarbakir; der Mann fiel mir auf, er sah aus wie ein frommer Dandy, senfgelb Weste und Hose, leuchtend hennarot gefärbt Bart und Haar, obenauf ein weißer Turban. Auf dem kurzen Weg von der Moschee zum Bazar drängten sich Männer, seine Hand zu küssen. Er war ein Sufi-Scheich vom Orden der Nakshibendi, jener verbotenen Bruderschaft, die zum modernen Netzwerk wurde. Dies war der Orden in traditioneller Gestalt.

Der Scheich machte wortlos ein Zeichen, ihm zu folgen; die Bazarklause eines Herrenschneiders schien ihm ein würdiger Ort zum Reden, dort saßen wir auf winzigen Höckerchen, umringt von hohen Regalen mit Hemden und Hosen. Fünf Männer lauschten stehend in respektvollem Abstand, leicht vorgeneigt, damit sie keines der schlichten Worte des Scheichs verpassten. „Alle Religionen sind gleichwertig", sagte er, „alle lehren eine gute Moral, alle kommen von Gott. Warum kann der Westen nicht akzeptieren, dass der Islam von Gott kommt?"

Zum Abschied sagte der Mann im gelben Mantel: „Was immer deine Wahrheit ist: Gott möge sie dir geben." Es klang sehr modern.