Der Führer und der Ingenieur

Libyen: Umbruch ohne Vorbild im Wüstenstaat

 

Regungslos stehen die Palmen in der weichen, feuchtwarmen Luft, von Scheinwerfern konturiert wie für eine Filmszene. Vor dem dunkelnden Abendhimmel treten die weißen Kolonialbauten aus italienischer Zeit schütter und majestätisch ins Flutlicht. Grellgrüne Laserspiele zucken über den Grünen Platz. Tripolis empfängt mit einem Spektakel, verwunschen mediterran und leicht surrealistisch.

Grün ist Libyens Farbe, die Farbe der Revolution. Deren Geburtstag wird heute gefeiert; es ist der 1. September, an diesem Tag des Jahres 1969 stürzte die Monarchie. Damals betrat ein schöner, rebellischer Offizier die Bühne, der Sohn armer Beduinen vom Stamme der Ghadafi. Weil seine älteren Brüder gestorben waren, hatten die Eltern ihn hoffnungsvoll Muammar genannt: „dem ein langes Leben gegeben ist".

Nun ist er 65 und noch immer auf allen Bildern.

Der Revolutionsführer. Der Führer, sagen die Libyer. Im Arabischen klingt das nicht so dumpf wie im Deutschen. Aber mein Dolmetscher spricht deutsch, er hat in der DDR studiert. Also sagen wir beide: der Führer.

Waffenlos tänzeln Soldaten und Soldatinnen über den Grünen Platz, fast unhörbar in ihren weichen Segeltuchstiefeln. Auf der Tribüne verschleierte Männer der Tuareg, im Zug tiefschwarze neben mediterran-hellhäutigen Gesichtern - hier paradiert die Vielfalt des Wüstenstaats. Ein Land wie ein Kontinent; weniger als sechs Millionen Menschen, doch in Libyens Fläche verschwände ein Großteil Westeuropas.

Ein Junge ruft „I love you" und küsst das Bild des Führers. Chaotisch und fröhlich wälzt die Parade sich durch die feuchtwarme Nacht. Ein Kamel mit einer Sänfte unklaren Inhalts bleibt im Menschenstau stecken, Reiter balancieren stehend auf scheuenden Pferden, die Messingbeschläge der Sättel funkeln in der Dunkelheit.

Wird der Führer sprechen? Mish maruf, flüstern die Leute: niemand weiß es, nur einer weiß...

Plötzlich taucht er auf, die Menge schiebt sich nach vorn wie eine Wand, im Gequetsche vor der Tribüne zerbrechen Journalistenbrillen. Er sagt nichts, er winkt nur und grüßt mit der Faust, mit dieser Armbewegung wie auf Tausenden von Bildern, merkwürdig steif ist die Bewegung, wie in Zeitlupe, nicht kämpferisch, eher wie ein Verkehrspolizist, nur ohne Kelle.

Dann fällt Goldregen vom Himmel.

Auf der anderen Seite des Grünen Platzes, kaum einen halben Kilometer Luftlinie entfernt, sitzen die Besucher eines Open-Air-Teehauses gleichmütig unter den Arkaden und rauchen Wasserpfeife. Der Menschenauflauf nebenan scheint nicht zu existieren, keine Journalistenbrille ist zerbrochen; nur der Putz rieselt sacht von den hohen weißen Säulen, als die Böller der Revolution durch die Nacht krachen.

Was ist wahr, was ist Trug? Ein Land wie im Zwielicht; es ist leicht, sich zu täuschen. Eine halbe Fahrtstunde außerhalb der Hauptstadt sind die Hinweisschilder noch immer mit fetten Pinselstrichen übermalt: Damit die amerikanischen Soldaten nach der Invasion in die Irre marschieren. Als wären die US-Ölfirmen nicht längst wieder dick im Geschäft.

Im kleinen, alten  Zentrum von Tripolis herrscht an gewöhnlichen Tagen die angenehme Ruhe einer Provinzstadt am Meer. Die neuen Luxusläden, die teuren Apartments sind weiter weg, am westlichen Stadtrand. Im Zentrum ist  Beschriftung in Englisch, der Sprache des Imperialismus, noch verpönt.

Libyens langjährige Isolation ist schon seit einiger Zeit beendet. Im Jahr 2003 hatte sich die politische Führung abrupt dem Westen zugewandt, die Nuklear- und Chemiewaffen-Programme eingestellt und - teils direkt, teils indirekt -  die Verantwortung für mehrere Bombenanschläge in den 80er Jahren übernommen. Mehr als drei Milliarden Dollar Entschädigung für die Familien der Opfer kauften das Land frei von Sanktionen und Embargo. Die politische Wende hatte allerdings nur nach außen klare Konturen; noch Jahre später ist ungewiss, was aus Libyen wird, aus seinem beduinisch geprägtem Sozialismus, aus einem System, das sich nach einer Wortschöpfung Ghadafis Jamahiriya nennt,  „Volksmassenstaat".

Im Westen haben sich Ghadafis Feinde von gestern beeilt, seine Freunde zu werden. Öl! Tourismus! Nun hilft Libyen noch, Europa die Einwanderer aus Afrika vom Hals zu halten. Böser Ghadafi, guter Ghadafi.

Und die Bürger, das Volk? Nie tauchen sie in den Nachrichten auf, sie scheinen verschwunden zu sein hinter dem Namen eines einzigen Mannes, immer noch.

Im modernsten Supermarkt von Tripolis stehen nun so viele Sorten Persil im Regal wie in Deutschland. Die Libyer kommentieren die Warenvielfalt, die über sie hereingebrochen ist, mit einer Redensart: „Heutzutage kannst Du sogar Vogelsmilch kaufen!"  Nur in den Zeitungen, da ist weiterhin nur eine einzige Meinung zu haben: die der Regierung.

Fast jeder Libyer hat ein Mobiltelefon, fast jedes Haus eine Satellitenschüssel. Die Frauen genießen mehr Rechte als in anderen arabischen Ländern. Der Islam ist moderat, Kinderarbeit ist verboten, Bettler sind kaum zu sehen. Und jedes heiratswillige Paar muss einen Aids-Test absolvieren. Solche Fakten müssen hier einmal aufgezählt werden, weil ich in fast jedem Gespräch mit Libyern eine Art kollektive Kränkung gespürt habe, ein Bedürfnis nach Richtigstellung: Wir leben nicht in Zelten! Wir fahren Autos und reiten nicht auf Kamelen! Es gibt einen Patriotismus jenseits von Ghadafi. Darin ähneln die Libyer den Syrern, die gleichfalls darunter leiden, wie sie im Bewusstsein der westlichen Welt hinter dem Assad-Regime verschwunden sind, degradiert zur bloßen Massenstaffage.

Und dann stehe ich plötzlich auf diesem Rummelplatz, es ist ein bedächtiger kleiner Rummel am Rand eines Neubaugebiets, mit einem Wägelchen für Popkorn und einem für Zuckerwatte und einer rasselnden Achterbahn mit Raupenkopf.  Dieser kleine unschuldige Alltag berührt mich wie eine große Entdeckung; in unserem durchpolitisierten Libyenbild kommt rosa Zuckerwatte nicht vor.

Eine enggestrickte Privatheit hält die Gesellschaft zusammen; wer die DDR kannte, mag das besser verstehen. Nur hat sich hier die Erfahrung von Mangel, Isolation und Machtlosigkeit mit arabischer Mentalität verbunden. Den halben Tag wird geredet, dieser und jener besucht, Beziehungen bedürfen dauernder Pflege, ohne Beziehung geht nichts. Wird mein Flugzeug plangemäß starten? Mish maruf, niemand weiß es; du musst einen Techniker auf dem Flugplatz kennen, er kann es dir vielleicht sagen. Und jeder scheint jeden zu kennen - „weil drei Viertel für die Staatssicherheit arbeiten", scherzt jemand. Das Enggestrickte bedeutet auch Abhängigkeit, Kontrolle.

Die ersten Tage wohnte ich im „Hotel Kebir", dem staatlichen „Grandhotel", auf Einladung der Regierung. Die Einladung kam überfallartig, eine Art Kidnapping an der Passkontrolle. Erst hatte es Monate gedauert, ein Pressevisum zu bekommen, nun war ich plötzlich zur Feier der Revolution Gast des Außenministeriums, Widerspruch zwecklos.

 Das Hotel Kebir ist grand nur aus Sicht der alten Zeit, der Staats-Prunk der Isolationsjahre und seine spezielle Ästhetik. Die Lobby beherrscht von einem riesigen Kronleuchter sowie einer Rolltreppe, die ich nie in Bewegung sah. Auf den Sofas saßen Libyer, die mit undefinierbaren Wartetätigkeiten beschäftigt waren und dazu gleichmütige Mienen trugen. Einige wenige Westler erkannte man sofort daran, dass ihnen das Warten nicht bekam. Auf allen Seiten der Lobby hingen Ghadafi-Bilder, links das Größte, der Führer in Öl; der Betrachter schaute ihm von unten in die Nasenlöcher. Im ganzen Land geht die Zahl der Ghadafi-Bildern zurück, nicht im Kebir. Im ganzen Land gibt es Satelliten-Fernsehen, nicht im Kebir. Ein amerikanischer Pilot, der in Libyen aushalf und im Kebir zwangsuntergebracht war, erzählte mir von einsamen Nächten mit Tierfilmen; nur sie waren in Englisch.

Internationale Pressekonferenz im Kebir! Wann? Vielleicht um 11 Uhr oder um 12, nein, bestimmt um eins, oder doch um zwei? Und wer spricht? Mish maruf, niemand weiß es. Aber es gab eigens Presseausweise für dieses rätselhafte Ereignis, sie waren rot, in Plastik eingeschweißt, und jemand hatte alle Namen, gleich welcher Sprache, handschriftlich ins Arabische übertragen; so war es garantiert unmöglich, irgendeinen Namen wieder zu finden. Zig mal wurde der große Stapel durchgesehen, dann verschwanden die Ausweise, wurden nie mehr gesehen, und die libyschen Beamten lachten, als sei alles nur ein Scherz gewesen.

Ich kam auch später gern in die Lobby des „Kebir"; hier schienen die Zeiten zusammenzustoßen, auf eine ehrliche, unretuschierte Weise. Viele Libyer trauen sich noch immer nicht hinein, aus Respekt oder aus Furcht. -                                                                                  

Sche djau, so begrüßen sich die Jungen. Wörtlich heißt das „Wie ist das Wetter?", gemeint ist das Wetter hier drin, sagt einer und tippt auf seine Brust, zum Herzen. Sche djau, das klingt weich und ein wenig träge, man spricht es mit fast geschlossenen Zähnen. Jung - das ist in Libyen das halbe Land. Nahezu jeder Zweite ist unter 20.                    

Mit einem Cappuccino in der Hand auf der Straße stehen, das ist in Tripolis so cool wie in Berlin. Abends ist Trubel vor der Espresso-Bar „Al-Djundi", die jungen Männer halten sich an Pappbechern fest, gucken die Straße rauf und runter und sagen sche djau. Es sind ausschließlich Männer, Mädchen stehen nicht herum in Libyen.

Drinnen, im winzigen marmorverkleideten Café, hantiert Mohamed an der italienischen Kaffeemaschine, er ist 27, er hat einen Universitätsabschluss als Informatiker, sein Bruder neben ihm ein Diplom in Verwaltungswissenschaft. Aber sie zapfen lieber Cappuccino. Bloß nicht in einem Staatsbetrieb arbeiten! „Hier ist es privat", sagt Mohamed, „es ist frei!" Und dabei reckt er die Arme zur niedrigen Decke, um das Ausmaß an Freiheit zu unterstreichen.

Staat, das bedeutete für die älteren Libyer soziale Sicherheit. Noch immer arbeitet jeder zweite Erwerbstätige für den Staatsapparat und die Staatsbetriebe; nun soll alles privatisiert werden, bis auf die Öl-Industrie. Die Löhne im Staatsdienst sind zwar so niedrig, dass viele zu einem Zweitjob gezwungen sind; aber der Arbeitsplatz war sicher, gleichfalls die kostenlose Wohnung. Für die Jüngeren hat der Staat das Gesicht und die Sprache einer versteinerten Revolution: leer die Floskeln, hohl die Gesten. „Wir haben die Jugend verloren", soll Ghadafi vor ein paar Jahren gesagt haben.

Das Fußballstadion in Tripolis heißt „11. Juni", benannt nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1970.  Da waren die Jungs auf den Rängen alle noch nicht geboren. Von der Bandenwerbung blickt sie nun die banale neue Zeit an: Coca Cola, Nutella, Kiri-Käse. Libyen gegen Sudan, die libysche Mannschaft spielt schlecht, zur Strafe bombardieren die Zuschauer den Trainer mit leeren Wasserflaschen; sie sind aus Plastik. Toben im Fußballstadion ist ein Ventil, andere Gelegenheiten sind rar. Kamikaze-Manöver im Auto: Die Sonnenbrille lässig ins Gel-Haar geschoben, so rasen manche in den Tod.

Die Al-Rashid-Straße zieht sich am Rande der Altstadt von Tripolis entlang. Vorsicht!, werde ich gewarnt, die Gegend sei unsicher. Unsicher, das ist in Libyen relativ; es gibt wenig Kriminalität. Die Unsicherheit in der Al-Rashid-Straße ist von anderer Art; hier reiht sich ein billiger Textilladen an den nächsten, die Szene gilt als aufmüpfig und regierungsfeindlich.

Sam, der eigentlich Usama heißt, ist gerade aus Thailand zurückgekommen, mit Bergen von Klamotten für seinen Laden. Jeden zweiten Monat fliegt er auch nach China, dort wird für ihn auf Bestellung produziert: Adidas, Puma, Nike, natürlich alles gefälscht. Sam ist 28, er kommt vom Land, hat zwölf Geschwister, so war das früher. Er selbst ist immer noch ledig, Familie kann warten, er reitet lieber auf der Globalisierung, verkauft seine Klamotten aus China nach Algerien und Tunesien.

Über die Profitspannen mit Produktpiraterie zwischen Billiglohnländern steht nichts in Ghadafis „Grünem Buch", seiner Lehre vom dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, auf der Libyens politisches System basiert. Die cleveren Jungkapitalisten der Al-Rashid-Straße haben mit dem Staat nichts am Hut; er soll sie bloß in Ruhe lassen. -

Almiras Blick ist herausfordernd kühl. Ein schwarzes Barett, darunter ein  schwarzes Kopftuch; die Kombination signalisiert Selbstbewusstsein und Unnahbarkeit. Die junge Polizeioffizierin misst ein Meter 80, sie trainiert Leibwächterinnen, dazu trägt sie perfektes Make-up und lange Fingernägel. „Die alte Auffassung, dass die Frau ein schwaches Wesen sei, haben wir hinter uns gelassen", sagt sie, in ihrem Ton schwingt Verachtung für die rückständige Welt jenseits der libyschen Grenzen.

Almira ist Ausbilderin an der Akademie für weibliche Polizeioffiziere; Frauen lernen hier Nahkampf, Schießen, Reiten, Motorradfahren. Von hier sowie von Libyens Frauen-Militärakademie stammen jene berühmten weiblichen Bodyguards, die Ghadafi bei seinen Staatsbesuchen begleiten.

 „Diese Akademie", sagt Almira, „ist ein Sieg unserer Revolution." Sie trägt eine Ghadafi-Plakette an der Uniformbluse und spricht in Ghadafi-Zitaten; zwischen ihr und dem Führer ist kein Quäntchen Platz für Kritik. Auf die Frage, welchen persönlichen Wunsch sie für ihre Zukunft habe, antwortet sie: „Nach allem, was der Führer für mich als Frau getan hat, hoffe ich, etwas zurückgeben zu können." Das ist der Duktus des Personenkults, doch tatsächlich haben die Libyerinnen Ghadafi viel zu verdanken. Er hat den Gleichstellungsgedanken von oben in eine konservative Stammesgesellschaft hineingezwungen. Und es war ein Frauenthema, an dem sich schon früh die Konfrontation mit den islamischen Klerikern entzündete. Als der Großmufti 1975 den Militärdienst für Frauen kritisierte, wurde über alle Imame und Gelehrte ein Verbot politischer Einmischung verhängt.

Man muss an dieser Stelle einen Moment beim Verhältnis von Politik und Religion in Libyen bleiben, denn daran entlang haben sich sowohl die fortschrittlichen wie die repressiven Züge seines Systems entwickelt.

 Als der „Bund Freier Offiziere" unter Ghadafis Führung 1969 König Idris stürzte, war der Wüstenstaat - soeben noch unter den Ärmsten der Welt - von zehn Jahren Ölboom gezeichnet: im Inneren zerrissen und verwestlicht, nach außen völlig abhängig von Großbritannien und Amerika. Auf den Islam zu rekurrieren, das bedeutete nun kulturelle Selbstbefreiung, Entwestlichung. Das Verbot von Nachtclubs, Prostitution und lateinischer Schrift war sozusagen das Pendant zur Verstaatlichung der Ölindustrie. Doch ganz anders als zehn Jahre später im Iran wollte die libysche Revolution stets einen säkularen Staat, wenngleich islamisch legitimiert. Religion durfte kein Hindernis für revolutionäre Neuerungen sein.

Ghadafi propagierte deshalb ein undogmatisches Islamverständnis; es hat bemerkenswert viel Ähnlichkeit mit dem, was heute vielerorts muslimische Reformer vertreten (unter beifälligem Nicken westlicher Experten): eine freie, zeitgenössische Interpretation des Koran und einen eindeutigen Vorrang des Koran vor Sunna und Hadith, also vor jener Vorbildtradition des Propheten, die naturgemäß stets die Sitten des siebten Jahrhunderts spiegelt. Ferner betonte Ghadafis religiöse Revolution die direkte Beziehung zwischen Gott und Mensch, die eines Geistlichen nicht bedarf, sowie egalitäre Beziehungen unter den Menschen.

Wer diesem Modell nicht folgen mochte, war bald im Gefängnis, wie viele Imame, oder wurde liquidiert, wie die Islamisten; das ist die andere, die bekanntere  Seite des libyschen Systems. Der gnadenlose Kampf gegen islamistische Kräfte verengt bis heute den Raum für jegliche Demokratisierung.

Den Frauen aber half der Revolutions-Islam, in kurzer Zeit über Schranken zu springen, deren Überwindung sonst mindestens mehr als eine Generation dauert.

Eine Gesprächsrunde mit erfolgreichen Libyerinnen; die Mobiltelefone stehen kaum still. Eine Chefärztin, eine Richterin, eine Parlamentarierin, eine Architektin, mehrere Professorinnen. Die Medienabteilung des Außenministeriums hat die Runde arrangiert; der Staat schmückt sich gern mit solchen Frauen. Entsprechend formell ist die Atmosphäre. Die Chefin einer Frauenorganisation ergreift das Wort: „Wir haben unsere Rechte auf einem goldenen Teller bekommen. Der Führer hat uns ermutigt, in alle Bereiche vorzudringen. Unsere Mütter waren noch zu Hause eingesperrt."

33 Prozent der Libyerinnen sind erwerbstätig, meist im Staatsdienst. Wenn der künftig gesundgeschrumpft wird, endet für die berufstätigen Mütter Libyens ein ganz eigentümliches Modell. Stillschweigend schlossen Fortschritt und Tradition bisher einen Kompromiss, den der Arbeitsminister Matuq Mohamed Matuq mir gegenüber so beschreibt: „Sie im Westen", sagt er amüsiert, „Sie haben nicht einmal gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Bei uns bekommen die Frauen gleichen Lohn für weniger Arbeit." Wenn die Kinder krank sind oder andere Familienpflichten rufen, dann gehen die Frauen einfach früher von der Arbeit weg, erklärt der Minister. Oder sie kommen erst gar nicht. „Das war bisher bei uns gesellschaftlich akzeptiert."

Ghadafi hat nämlich nicht die Teilung der Hausarbeit propagiert.

Der libysche Alltag ist voll solcher Kompromisse. Zum Beispiel fahren Frauen selbst Auto; der Ehemann einer Lehrerin sagt, warum er das gut findet: „Wenn meine Frau im Auto sitzt, dann sehen andere Männer nicht ihre Figur. Außerdem ist es bequemer für mich: Früher musste ich sie zum einkaufen fahren."

Faiza Al-Basha hat solche Kompromisse vermieden; die Professorin für Strafrecht ist eine auch für libysche Verhältnisse ungewöhnlich freie Frau. Die 42jährige ist ledig, hat in Paris und Kairo studiert, fährt oft zu Konferenzen ins Ausland. Ihr Büro in einem Altbau in Tripolis ist stilvoll möbliert, ohne das sonst obligatorische Ghadafi-Bild, auch ohne religiöse Dekoration. Auf Tischen und Stühlen stapeln sich Bücher über Menschenrechte, in Französisch.

„In den libyschen Familien sind patriarchale Werte immer noch vorherrschend", sagt die Juristin, „der Vater hat das entscheidende Wort." Sie selbst hatte Glück: Ihr Vater ließ sie weite Kreise ziehen, unterstützte ihren Weg in die Unabhängigkeit. „Heute verändert sich das Bewusstsein allmählich. Viele Rechte standen in der Vergangenheit nur auf dem Papier. Auch die gesellschaftlichen Veränderungen müssen in der Familie beginnen: Wenn sich ein Kind frei ausdrücken kann, wird es später auch politische Meinungsfreiheit beanspruchen." Sie engagiert sich für demokratische Reformen, inspiziert Gefängnisse, damit sich die Haftbedingungen verbessern.

Der Campus der Al-Fateh-Universität, wo die Professorin unterrichtet, dehnt sich aus wie ein Stadtviertel. Und dies ist nur „Campus A", es gibt noch zwei weitere. 60 000 Studenten, 40 Fakultäten, 3000 Dozenten. Gerade ist Semesterbeginn, die Atmosphäre auf dem Campus wirkt gelöst, Jungen schlendern mit Jungen, Mädchen mit Mädchen. Die Studentinnen dominieren das Bild; tatsächlich sind sie in der Mehrheit. Eine Frau steht auch an der Spitze der Universität.

 Die besten Absolventen und Absolventinnen der Universität werden auf Staatskosten zum Postgraduierten-Studium ins Ausland „delegiert". Auserwählte Frauen können sich, wenn sie bereits verheiratet sind, vom Ehemann begleiten lassen; der Staat zahlt für beide. Wieder ein libyscher Kompromiss.

Viele Studentinnen tragen enge Jeans, fast alle ein Kopftuch. Vor einem halben Jahrhundert hüllten sich Libyerinnen traditionell in ein großes weißes Tuch, wie jetzt nur noch alte Frauen im Dorf. Vor 30 Jahren trug kaum eine Städterin Kopftuch. Heute ist wieder eine andere Phase: Junge moderne Frauen wollen ihr Muslimisch-Sein zeigen. Das gilt für Almira, die führertreue Offizierin an der Polizeiakademie, das gilt ebenso für Libyerinnen, die Reformen verlangen, die sich durch das Tuch sogar vom sozialistischen Staat distanzieren möchten. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Stoff allein keine Unterdrückung bedeutet: In Libyen kann man ihn finden.

Gespräch mit drei Chemie-Studentinnen. Nach ihren Wünschen befragt, antworten sie spontan: Bloß nicht Lehrerin werden müssen! Lehrerin ist Libyens Frauenberuf Nummer 1, da fällt der Kompromiss zwischen offizieller Gleichstellung und  konservativen Familiensitten am leichtesten. Die drei Studentinnen haben größeren Ehrgeiz, wollen in die Forschung gehen - wenn bloß Libyens wissenschaftlicher Standard nicht so niedrig wäre!

Nicht weit vom Ort unseres Gesprächs hängt auf dem Campus ein politisches Transparent: „Wir sind bereit, uns zu opfern für den Führer und die Revolution." Die Sprache der drei jungen Frauen ist das nicht. -

In Libyen ist das Volk an der Macht. So will es die Theorie: Jeder über 18 soll am „Basis-Volkskongress" seines Wohngebiets teilnehmen und so die Politik mitbestimmen. Eine Pyramide aus Volkskongressen und Volkskomitees regiert das Land, an der Spitze der „Allgemeine Volkskongress", einem Nationalparlament vergleichbar, doch ohne Parteien.

Der 22jährige Walid ist noch nie zu einer dieser politischen Versammlungen gegangen. Obwohl es streng genommen sogar Pflicht ist;  Betriebe und Geschäfte müssen während der Sitzungsstunden geschlossen sein. Walid malt auf ein Blatt Papier einen großen Kringel, „das ist unser Land", oben dran einen kleinen Kringel, „das ist die Regierung". Die Regierung, sagt er, sei nur ein kleiner Teil des Landes. „Ich bin patriotisch, aber ich unterstütze die Regierung nicht." Erstaunlich offene Worte. Walid hat englisch studiert, arbeitet als Sprachtrainer und Nachrichtensprecher, ein höflicher, erfolgreicher Vorzeige-Libyer. Seine Kringel-Skizze ist ein vernichtendes Urteil  über die vermeintliche Macht des Volkes. Aber, fährt Walid fort, abschaffen wolle er dieses System nicht. „Es ist Teil unseres Denkens, unserer Kultur geworden", sagt er. „Es ist Teil der Persönlichkeit jedes Libyers."

Es ist schwer, einen Libyer zu finden, der eine Parteiendemokratie nach westlichem Muster verlangt. Parteien spalten die Gesellschaft, das ist einer der bekanntesten Slogans aus Ghadafis Grünem Buch. Parteien passten nicht zu Libyens Stammesgesellschaft, sagen auch Ghadafi-Kritiker und fügen hinzu: Westler sollten ihr Modell nicht zum Maßstab der Demokratie machen.

Ein paar Tage später hat Walid Freunde mitgebracht. Wir trinken grünen Tee auf dem Grünen Platz und essen Gelati, so nennen die Libyer Eis - ein Wort aus der Kolonialzeit. Wir reden über Amerika, über Ghadafis Wende zum Westen. Walids Freunde antworten differenziert. Sie sind gut informiert, sie trauen der US-Regierung politisch nicht, aber auf persönlicher Ebene sei jeder Amerikaner willkommen. „Wir wollen eine Business-Freundschaft mit Amerika, keine politische Freundschaft."

Beim Abschied fragen sie mich nach dem Bild der Libyer im Westen. Sie hoffen, dass ihr Image gut sei, jedenfalls besser als das anderer Araber. „Wir sind keine Terroristen, und wir haben es nicht nötig zu stehlen." -                                          

Es war im Juli 2003, ein halbes Jahr, bevor Libyen seine Waffenprogramme aufgab: Ein elegant gekleideter junger Libyer saß beim Fernsehsender CNN. Der Mann heißt Saif al-Islam, wörtlich: das Schwert des Islam, er war damals 31, Ghadafis zweitältester Sohn. „Als libyscher Bürger", so begann Saif, wolle er eine Botschaft an das amerikanische Volk senden. „Wir wollen keine Konfrontation und Aggression. Wir wollen nicht mehr kämpfen. It`s over. Das alles liegt hinter uns."

Eingeweihte im Westen kannten Saif bereits. Durch seine Hilfe kamen im Jahr 2000 deutsche Geiseln auf den Philippinen frei, darunter die Göttinger Familie Wallert. Das Instrument dieser Operation wie auch aller folgenden war eine Stiftung mit diversen Unterorganisationen, die „Kadhafi International Foundation for Charity Assocations". Saif ist ihr Präsident. Die Stiftung wird zum Werkzeug der außenpolitischen Wende, aus ihren immensen Finanzmitteln werden die Bomben-Opfer entschädigt.

Saif wird von den westlichen Medien entdeckt; er liefert Stoff für Stories, scheint ganz die Negation des Vaters: Der empfängt mit wallenden Ethno-Gewändern im Beduinenzelt. Der Sohn: Ein Yuppie im Business-Anzug mit modisch geschorenem Schädel - und doch nicht bar jener Exotik, die westliches Publikum von einem Orientalen erwartet. Saif bringt einen weißen Tiger mit zum MBA-Studium nach Wien. Und er malt; der Vater schrieb surrealistische Essays. 

Wenige im Westen ahnen, wie atemlos seine Landsleute Saif beobachten. Seine Stiftung wird zum Instrument erster innenpolitischer Reformen, schafft vorsichtig neue Räume von Freiheit. Als Sohn des Führers ist Saif sakrosankt, niemand sonst kann soviel Wahrheit wagen. Das libysche System habe Institutionen hervorgebracht, die vorgeblich dem Volke dienen sollten, „doch in Wirklichkeit wurden sie zu hässlichsten Werkzeugen der Ausbeutung, hässlicher als die kapitalistischen Einrichtungen in Ausbeutergesellschaften". So steht es in seinem Buch „Libyen im 21. Jahrhundert", eine Examensarbeit über Libyens Staatswirtschaft. Sie liegt in den Buchhandlungen von Tripolis; daneben liegen Zeitungen, die nicht einmal zaghafte Kritik wagen.

Schritt für Schritt geht Saif weiter. Seine Stiftung bricht Tabus,  veröffentlicht einen Bericht über die Zustände in den Gefängnissen und eine bisher geheime Liste von über 12 000 Libyern, denen die Ausreise untersagt ist. Aber jedes Quäntchen tatsächlicher Reform muss durch die Instanzen des Systems, muss von ihnen beschlossen werden. Endlich werden die berüchtigten Volksgerichte abgeschafft und einige hundert politische Gefangene entlassen.

Saif gilt nun als Gegenpol zu den Hardlinern der alten Garde. Die geben sich nicht als eine Strömung zu erkennen, sitzen aber auf wichtigen Posten. Und Saif hat keinen politischen Posten - genauso wenig wie sein Vater: Der ist Revolutionsführer, das ist ein Titel, kein Amt. Der Sohn heißt in den staatsnahen Medien „der Ingenieur", das war sein erstes Studienfach.

Vater und Sohn: Ringt der Sohn dem Vater die Reformen ab? Oder spielt der Vater mithilfe des Sohns gegen die alte Garde? Vermutlich beides. Mish maruf, niemand weiß es, niemand außer den beiden Beteiligten scheint das Drehbuch zu kennen. Saif sagt nur: „Ich diskutiere mit meinem Vater." Nie kritisiert er den Vater öffentlich, er kritisiert nur Zustände. Und hat nicht der alte Ghadafi selbst die Staatsdiener faul und bestechlich genannt?

Über Muammar, den Langlebigen, den einstigen Königsstürzer, sagen manche Libyer, er sei wie ein König - und er täte alles, seine Macht und die seiner Familie zu wahren. Sämtliche vier Kinder sind reich, prominent, einflussreich, Saif ist der politischste Kopf. Ließe er sich eines Tages zum Präsidenten wählen, käme Demokratie auf den Zehenspitzen einer sozialistischen Dynastie.

Wie für meisten Befreiungskämpfer und Nationalisten seiner Generation war für Muammar Ghadafi der Staat das vorrangige, wenn nicht einzige Instrument zur Entwicklung eines postkolonialen Landes. Der Sohn hat eine andere Vision, er will eine Kultur von Zivilgesellschaft etablieren, Nicht-Regierungsorganisationen sollen neben Wirtschaft und Staat die starke dritte Kraft sein. Seine Stiftung  macht das vor, sie installiert als Experiment von oben, was unten im Land noch immer illegal ist: Dass sich Bürger selbstständig organisieren und staatliche Politik zu korrigieren versuchen.

Nicht nur Parteien sind in Libyen weiterhin verboten, auch alle anderen Vereinigungen, die nicht mit den Prinzipien der Revolution übereinstimmen. Religiös motivierte Opposition duckt sich in klandestinen Zirkeln, wird schnell als terroristisch diffamiert. Die Repression ist nicht so mehr schlimm wie in den 80er Jahren, als der Geheimdienst Opponenten im In- und Ausland einfach verschwinden ließ. Aber wer diese Zeit erlebt hat, also die älteren Libyer, hat die Furcht verinnerlicht.

Politische Gespräche finden in der Öffentlichkeit kaum statt. Typisch das Gespräch mit einem Experten für die Privatisierung von Betrieben. Es wird zu seinem Schutz ohnehin anonym geführt, aber als ich den Mann frage, ob viele Libyer Angst vor der Privatisierung hätten, schreckt er zurück: Diese Frage ist politisch! Angst vor einem Gespräch über Angst.

In dieser Kultur der Furcht übernimmt die Stiftung von Saif eine Ombudsfunktion: Bürger beschweren sich dort, wenn ihnen Unrecht widerfahren ist; die Stiftung ermittelt, versucht die Verantwortlichen auszumachen, reicht gegebenenfalls Klage ein.

Über Mobiltelefon lotst mich der Anwalt Giumma Attiga zu seinem Büro in einer unauffälligen Seitenstraße. Er leitet die „Gesellschaft für Menschenrechte", das ist die politisch heikelste Abteilung unter dem Dach der Ghadafi-Stiftung. Im Flur seiner Kanzlei hängt ein großes Bild des Führers, dabei ist Giumma selbst ein ehemaliger politischer Häftling. Erst war er im irakischen Exil,  bei der Rückkehr wurde er verhaftet, saß dann zehn Jahren im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis, wo heute noch die Politischen inhaftiert sind. Mehr als diese dürren Daten gibt der Anwalt über sein Schicksal nicht preis. Würde er sich als Opfer hervortun, könnte das ausgenutzt werden - von denen, die seinen Einsatz für Menschenrechte ohnehin gern vereiteln würden

„Wir arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen", sagt der Anwalt. „Manche glauben, weil der Sohn des Führers die Stiftung leitet, liefe alles glatt. Manche glauben, Saif hätte einen Zauberstab. So ist es nicht. Es gibt sehr viel Widerstand gegen demokratische Reformen." Seine Gesellschaft fordert Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und die Freilassung aller politischen Gewissensgefangenen. „Einige hundert sind noch in Haft, genaue Zahlen bekommen wir nicht." Alle Politischen dürften jetzt Anwälte und Angehörige treffen; die Haftbedingungen seien viel besser geworden.

Wird in Libyen gefoltert? „Ja, sicher", antwortet Giumma Attiga ohne Zögern. „Aber es wird nicht systematisch gefoltert. Das heißt: Es handelt sich um das Verhalten von Personen, es ist nicht die offizielle Linie." Die Aktivisten seiner Gesellschaft, junge Juristen und andere Freiwillige, haben eine Kampagne gegen Folter organisiert, haben auf der Straße und in Polizeistationen Flugblätter verteilt. Ein Plakat zeigt, wie ein Vorhang beiseite gerissen wird, dahinter eine Horrorszene, die Folterer tragen Uniform.

Streunende Hunde, so nannte der alte Ghadafi früher die Oppositionellen im Exil. Sein Sohn trifft sich ohne öffentliches Aufsehen regelmäßig mit Exilanten; er will Aussöhnung. Über den Fernsehsender Al-Jazira hat Saif alle zur Heimkehr aufgefordert, deren Eigentum konfisziert wurde. Wer „tyrannisiert" worden sei, müsse Entschädigung bekommen; es sei Zeit, die Akten wieder zu öffnen.

Saif nimmt die Furcht aus den Herzen der Menschen, schwärmen  seine Anhänger. Er verspricht zu viel, sagen Skeptiker.

Abend in einem Hotelgarten, ein Treffpunkt von Intellektuellen. Wir reden über den Tod des Journalisten Daif al-Ghazal, in gedämpftem Ton. Der 32jährige hatte zehn Jahre für die staatliche „Bewegung der Revolutionskomitees" gearbeitet, wandte sich dann ab, erzürnt über Korruption in den Komitees, und schrieb regimekritische Artikel für die online-Tageszeitung „Libya Today" in London. Als Daif verschwand, war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Zwölf Tage später wurde seine Leiche gefunden, mit abgehackten Fingern. Der Geheimdienst wird beschuldigt, streitet alles ab. Und wieder flüchtet sich das Verlangen nach Gerechtigkeit zur Stiftung des Ghadafi-Sohns: Im Auftrag der Familie des Toten hat sie Klage eingereicht - gegen unbekannt.

Freiheit und Knebel, beides charakterisiert die geistige Atmosphäre im Land. Geknebelt sind die einheimischen Medien, Presse und Staatsfernsehen; unzensiert sind Internet und Satelliten-Fernsehen. Die Welt kommt den Libyern ins Haus, sie überraschen mit der Kenntnis jüngster Bundesliga-Ergebnisse. Doch wer ist dafür verantwortlich, dass vor ihrer Haustür seit Jahren die Straße nicht zu Ende gepflastert wird? Mish maruf, niemand weiß es.

Für die meisten westlichen Beobachter ist allein die wirtschaftliche Liberalisierung der Maßstab, ob die libysche „Politik der Öffnung" Fortschritte macht. Öffnung bedeutet: offen für ausländische Investoren. Für die Libyer bedeutet Öffnung zum Beispiel, dass im Morgenprogramm des Staatsfunks Bürger anrufen können und ihre Meinung sagen; manche Zuhörer greifen sich verwirrt an den Kopf: Ist das wirklich Libyen? Auch in der wöchentlichen Fernsehsendung „Lil Ahamiya" (wörtlich: am dringendsten) werden Bürger live zugeschaltet; einmal rief jemand an und sagte: „Ich bin ein libyscher Bürger, mein Name ist Muammar Ghadafi..." Er verteidigte die Regierung, ein anderer Anrufer widersprach: „Das stimmt nicht!" Die Zuschauer fürchteten danach um das Leben des Kecken. Später wurde der Mann gesund und munter im Fernsehen präsentiert, um die Gerüchte zum Schweigen zu bringen. So wird es jedenfalls erzählt.  

Libyen sollte eine „neue sozialistische Gesellschaft" werden, eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen von fremder Kontrolle befreit sind. „Das Land gehört niemanden", schrieb Ghadafi in seinem „Grünen Buch"; niemand durfte ein zweites Haus bauen zum bloßen Zwecke der Vermietung, denn wer mieten muss, ist nicht frei. Nun werden noble Apartments für beträchtliche Preise angeboten, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich. Aber Ghadafis schmales 119-Seiten-Bändchen bleibt offiziell „der Führer der Nation". Es geht dem Oberst nun ein wenig wie Karl Marx am Ende der DDR: Die Theorie war gut, aber die Umsetzung schlecht, sagen Libyer privat. Oder: Eine schöne Utopie, aber dafür müssten die Menschen Engel sein.

Eine alte italienische Villa, im Eingang der Führer riesig hinter Glas, illuminiert. Delegationen aus der Dritten Welt gaben sich hier einst die Klinke in die Hand: Dies ist das „Weltzentrum zum Studium des Grünen Buches". Übersetzt in 53 Sprachen, stets in Grün mit Goldgravur, steht es auf grünen Regalen. Grün sind sogar die Polsterstühle im Lesesaal.

Eine Brutstätte neuen Denkens würde man hier nicht vermuten - doch gefehlt! „Fast die Hälfte der Studien waren reine Propaganda", bilanziert Milud El Mehadbi kühl. Der Direktor für auswärtige Beziehungen überrascht durch Freimut und legeren Stil. Ein in Frankreich ausgebildeter Jurist; nun reist er von einer Universität zur anderen, um sein Institut neu zu vernetzen: Oxford, Paris, Barcelona, Kiew, Washington.

Was wird aus Libyen? „Keine  Kopie von irgendetwas", sagt Milud selbstbewusst. „Wir studieren jetzt sorgfältig die Erfahrungen anderer, den Kollaps der Sowjetunion, das chinesische Beispiel. Ein Teil der Elite in Libyen will einen puren Kapitalismus, als Reaktion auf die Vergangenheit. Ein anderer Teil hält an der Vergangenheit fest, aus Eigeninteresse." Sein Institut wirbt für einen dritten Weg, „mit Individualismus und freier Wirtschaft, aber die sozialen Interessen geschützt". Es klingt ein wenig wie bei den europäischen Linksparteien.

Das Grüne Buch, sagt Milud, werde jetzt neu gelesen. „Wir sind nicht unter Zeitdruck. Vielleicht ist es eine Aufgabe für die nächste Generation." -

Der Führer wird sprechen! Auf nach Sirt! Ein Flugzeug voller Diplomaten und Journalisten startet Richtung Osten, landet in rötlicher Wüstensteppe. Sirt war ein Kaff vor der Revolution; in seinem Hinterland wurde Ghadafi geboren. Das weihte den Boden, der Flecken stieg auf zu einer künstlichen zweiten Hauptstadt. Für den Fall einer Invasion gab es zeitweise noch eine dritte. Die Slogans entlang der Straße zum Regierungsbezirk grüßen mit Ghadafis letzter großer Utopie: „Lange leben die Vereinigten Staaten von Afrika!", „Ein Pass für ganz Afrika!"

In der Einöde tauchen elegante Regierungsbauten auf,  italienisches Design mit Carrera-Marmor. Libyen ist das reichste Land auf dem armen Kontinent. Ein riesiger Konferenzsaal, eisgekühlt, beste Technik; auf den roten Polstern tagt sonst der Allgemeine Volkskongress, das Parlament. Wann beginnt die Feier? Mish maruf.

Warten. Die libyschen Kollegen warten routiniert, klaglos und fraglos. Nach Stunden sagt einer: „Wenn Du drängelst, kommst du hier zu gar nichts." Es gibt Essen, die Regierung versorgt die Journalisten gut in ihrem goldenen Käfig.

Sechs Stunden später betritt Ghadafi den Saal in einem Umhang von orange-goldenem Glanz. Alle erheben sich; Sprechchöre. In den obersten Reihen stehen ehrwürdige alte Scheichs; zum revolutionären Gruß schütteln sie ihre dünnen, wüstengegerbten Ärmchen, sie schütteln sie langsam und steif, als schlügen sie mit einem Hammer Nägel ein. Alle setzen sich, links steht ein Block Frauen sofort wieder auf, mit Freudentrillern.

Der „liebe Bruder Führer" bekommt eine Ehrenmedaille von afrikanischen Freunden, darauf Freudentriller vom Frauenblock rechts. Alle stehen wieder auf, die alten Scheichs zuerst, der Frauenblock links lässt die Revolution hochleben, alle setzen sich. Ghadafi trägt ein rot-goldenes Käppi auf seinem Lockenschopf, von weitem ähnelt er einer erstaunten älteren Dame.

Leise, fast zögernd beginnt er zu sprechen, beiläufig, die Stimme ein wenig heiser. Er grüßt besonders die Frauen, sie antworten mit Trillern, eine afrikanische Jugendgruppe skandiert „Brother - Number - One!" Die Welt ändert sich dramatisch, fährt Ghadafi fort, was früher 100 Jahre brauchte, geschieht jetzt in 10, „früher kam der Imperialismus aus dem Westen, morgen kann es anders sein, vielleicht kommt er aus Asien". Er redet wie im Gespräch, es ist ein Gespräch über die Ungewissheit der Zukunft. Welch ein Kontrast zu den Ritualen des Personenkults im Saal.

Ghadafi ist klug; er beobachtete die Folgen der Globalisierung genauer als andere arabische Führer, sah eine „Welt der Großräume" heraufziehen, in dem für Nationalismus kein Platz mehr sei. „Die Welt der Großräume erkennt keine ideellen oder kulturellen Bindungen an", notierte er vor seiner Wende Richtung Westen, entscheidend sei allein ein gemeinsamer Markt, einheitliche Visa, gemeinsam genutzte Satelliten.

Dass Afrika ein solch potenter Großraum werden könnte, darauf wollte der Oberst selbst nicht mehr warten; deshalb suchte er die Brücke nach Europa.

Tausende taten es ihm gleich: Statt der „Vereinigten Staaten von Afrika" kamen die Afrikaner. Sie kamen einzeln oder in Gruppen, manchmal zu Fuß, sie kamen aus dem Sudan, aus Somalia, aus dem Tschad, aus Nigeria und Niger. Libyen ist für sie das Sprungbrett ins Paradies, hier können sie die Passage nach Europa verdienen. Anderthalb Millionen, vielleicht zwei Millionen Migranten arbeiten in Libyen, davon nur 40 000 legal. Sie sammeln den Müll ein und schleppen Sand über Baustellen, sie warten im Schatten von Mauern auf Arbeit für einen Tag, sitzen mit Blecheimern voll Wasser an Straßenkreuzungen und rufen „Wash car, wash car".

In Sebha weht ein heißer Wind; es ist die Zeit der Dattelreife, am späten Abend sind es noch 33 Grad. Sebha ist die einzige größere libysche Stadt  in der Sahara; sie wird „das Tor zu Afrika" genannt, ein Name aus der Sicht des Nordens. Wer von Süden kommt, im Treck der Migranten aus Schwarzafrika, sieht Sebha als Tor zu Europa. Nach den unendlichen Weiten der Wüste beginnen hier die gepflasterten Straßen der Verheißung; nur noch 800 Kilometer bis zum Mittelmeer.

Manchmal hat Ike hundert Anrufe am Tage auf seinem Mobiltelefon. Der stämmige, emphatisch christliche Nigerianer ist eine Art ehrenamtliche Notrufsäule für seine Landsleute; manche rufen aus Abschiebelagern an, andere rufen aus Europa an, sie haben es geschafft. Jeder kennt Ike, er ist schon neun Jahre in Sebha, er blieb hier hängen, verdient ganz gut mit der Installation von Satellitenschüsseln. Auf meine Frage, ob er Flüchtlinge kenne, die auf dem Weg nach Italien ertrunken seien, lächelt er und sagt knapp: „Viele."

Ike zeigt mir den Afrikaner-Stadtteil von Sebha, er heißt „Straße 40", schmucklose Bezeichnung für eine Welt halblegaler, vorübergehender Sesshaftigkeit während einer Reise, die oft Jahre währt.  Kein Asphalt, so sandfarben wie der Boden die niedrigen, garagenähnlichen Gebäude. Ein rudimentärer Friseursalon ohne Waschbecken. Eine Restaurant-Bude namens „Holiday Villa", darin sitzen Männer ohne Arbeit,  gucken einen nigerianischen Film und träumen von Holland.

Die Libyer mögen die vielen Ausländer im Land nicht, geben ihnen die Schuld an Aids, Drogen und Prostitution. Vor ein paar Jahren wurden bei Pogromen Schwarze erschlagen. Die Regierung will nun ein Prinzip einführen, das man auch aus Deutschland kennt: Libysche Arbeit zuerst für Libyer!

Benito Mussolini nannte Libyen „die vierte Küste Italiens". Ein kolonialer Begriff; heute gilt er auf neue Weise. Italien hilft bei der Sicherung von 1800 Kilometer libyscher Küste und von 4000 Kilometer Wüstengrenze. Die Europäische Union liefert Schnellboote, Drohnen und Militärhubschrauber, damit die Einwanderer aufgespürt werden, bevor sie Europa erreichen. Welch eine Ironie: Früher lieferte Libyen Waffen an Befreiungsbewegungen in aller Welt, heute nimmt es die Waffen der reichen Länder, um die Armen abzudrängen. Aber warum sollte Libyen weitherziger sein als Europa?

 „Zansou" nennen die Afrikaner das Abschiebelager bei Sebha. Das Gelände einer früheren Polizeikaserne im Niemandsland liegt strategisch günstig, nahe der Straße zur Grenze und zum Flughafen. Weiße Mauern mit Stacheldraht obendrauf, grelle Scheinwerfer, sie sind weit zu sehen im flachen, leeren Land. Im Augenblick ist „Zansou" ziemlich leer, nach großen Deportationen.

Vor den weißen Mauern wartet eine Menge von jungen Männern. Sie wollen nach Niger zurückkehren, freiwillig. Es sind schlanke Jungs mit müden Augen; sie haben aufgegeben, sie wollen nicht im Meer verrecken für den Traum vom Paradies, sie begnügen sich mit kleinen Reichtümern, einem Koffer voll Zeugs, einem Kühlschrank. Ein alter Lastwagen fährt vor, sie werden oben auf ihren Habseligkeiten hocken, zwei Wochen lang, so lang dauert die Reise bis in ihre Dörfer. Es ist dunkel geworden, am Himmel steht der klare Mond der Wüste.